Schwarzwald: Singende Wälder, tönende Wipfel

Im nördlichen Schwarzwald gibt es vor allem eines: Nadelbäume. Aber auch aus Kur-Motiven, der klassischen Musik, der Heidelbeeren und Kuckucksuhren wegen kommt man her.

Palais Thermal in Bad Wildbad hält die Kurtradition hoch.
Palais Thermal in Bad Wildbad hält die Kurtradition hoch.
Palais Thermal in Bad Wildbad hält die Kurtradition hoch. – (c) Touristik Bad Wildbad

Ob der Kinoerfolg „Und ewig singen die Wälder“ aus dem Jahr 1959 – eine österreichisch-deutsche „melodramatische Romanverfilmung in bildwirksamer Gestaltung, die gepflegte Unterhaltung bietet“ – die Bad Wildbader im Schwarzwald zu ihrem Rossini-Festival animiert hat? Mit den norwegischen Wäldern aus dem Roman, nach dem der Film gedreht wurde, kann es der Tann im Südwesten Baden-Württembergs locker aufnehmen: Er ist einer der größten Wälder der Welt. Auf über 6000 Quadratkilometern erstreckt er sich über Hügel und Berge bis zum Horizont, durchwühlt von Wildschweinen, durchstreift von Bären und Wölfen, durchflattert von Auerhähnen. Und durchklungen von Rossini: Noch nicht ewig, aber seit 31 Jahren singen hier die Wälder.

Geheimnisvolle Sagen ranken sich um den Wald, viele Wanderer haben sich schon im Dickicht verirrt, das keinen Überblick und keine Orientierungspunkte bietet. Ein Märchen von Wilhelm Hauff, „Das kalte Herz“, beginnt mit der Empfehlung, in den Schwarzwald hineinzuschauen; „nicht der Bäume wegen, obgleich man nicht überall solch unermessliche Menge herrlich aufgeschossener Tannen findet, sondern wegen der Leute, die sich von den anderen Menschen ringsumher merkwürdig unterscheiden. [...] und es ist, als ob der stärkende Duft, der morgens durch die Tannen strömt, ihnen von Jugend her einen freieren Atem, ein klareres Auge und einen festeren, wenn auch raueren Mut als den Bewohnern der Stromtäler und Ebenen gegeben hätte.“

Fichten prägen den Schwarzwald.
Fichten prägen den Schwarzwald.
Fichten prägen den Schwarzwald. – (c) Alexander Kijak

So sei es. Von alters her: Die älteste Enztalkiefer ist übrigens stolze 290 Jahre alt! Herrlich aufgeschossene Tannen, vor allem die seltenen, besonders geraden und hohen Enztal-Tannen – auch Holländer genannt, weil sie als ideale Schiffsmasten bis in die Niederlande geflößt wurden–, waren und sind das Kapital dieser Landschaft. Das nicht harzende Holz ist heute in Japan hochbegehrt, für heilige Schreine oder Spielzeug. Und der Duft, die Frische, die Luft, von Millionen Fichten gefiltert (die heute bei der Aufforstung wieder mit Laubbäumen durchmischt werden), verbessern Schlaf, Immunsystem und Nervenkostüm.

Kurziel seit 600 Jahren

Dazu sprudeln Thermalquellen, die bereits im 15. Jahrhundert adelige Gäste anlockten. Grafen, Herzöge und Könige von Württemberg absolvierten Kuren in prächtigen Palais, in eleganten Badegebäuden und im 1699 angelegten Kurpark, durch den die Enz plätschert, noch ein Seelenstreichler in dem recht engen Tal, einem Gletscherkar aus der Eiszeit vor 12.000 Jahren.

Sich in die Zeit der rauschenden Krinolinen, wippenden Hüte und koketten Fächer, der Kurschatten und Duelle zurückzuversetzen gelingt ganz gut, wenn man im Palais Thermal durch die maurischen Sprudelhallen schlendert (übrigens hüllenlos, hier kurt man nackt). Oder im Forum König-Karls-Bad ein wenig laues Thermalwasser schlürft, um dann in den imposanten Sälen Lesungen oder ein Konzert zu besuchen. Die Eiserne Wandelhalle, wie man sie noch in Marienbad findet, hat man leider der Bahn opfern müssen, die hier als Straßenbahn fährt. Zuerst bekämpft und jetzt begeistert genützt ist sie ein idealer Anschluss nach Pforzheim. Das königliche Kurtheater aber wurde gerettet, und zwar von einem berühmten Kurgast, dem Pianisten Justus Frantz, der 1983 nicht nur begeistert über seine Heilung war, sondern auch über das kleine Theater, das damals leider völlig verfallen, verschimmelt und verrottet dastand. Mit der Parole „Rettet Wildbads Theater“ gründete er, wegen seiner unermüdlichen Emsigkeit „Frantzdampf“ genannt, einen Förderverein, und mithilfe vieler Künstlerfreunde schaffte er die vollständige Renovierung.

Auf dem Rossini-Baumwipfelpfad wird musiziert.
Auf dem Rossini-Baumwipfelpfad wird musiziert.
Auf dem Rossini-Baumwipfelpfad wird musiziert. – (c) Touristik Bad Wildbad

Und mithilfe von Rossini. Dieser war mehr als 100 Jahre davor, 1856, zum Kuren hier gewesen, ebenfalls begeistert über seine Heilung, womit die Idee für ein Festival seinen Namen fand, der dem Kurbad zu Glamour und zu musikbegeistertem Publikum helfen sollte, um die Kassen zu füllen. In allen möglichen Sälen der Stadt wurden jährlich Konzerte gegeben und Opern aufgeführt, und 2014 konnte das Kurtheater endlich wieder Schauplatz werden.

Gioachino Rossini ist man treu geblieben, das Festival ist mittlerweile 31 Jahre alt, Opernaufführungen und Konzerte ehren den Meister und bringen den Ort zum Klingen, mit einem Echo, das bis in die „New York Opera News“ reicht, wo man immer wieder wohlwollend von dem kleinen, feinen Festival berichtet. Die etwa 60Mitarbeiter sind im Ort hautnah zu erleben, Gelegenheit, sich mit ihnen zu unterhalten, bietet sich immer und überall. So lebt man einige Wochen in Bad Wildbad wie in einer Künstlerkolonie.

Auch so bringt man Wälder zum Singen: Ein Baumwipfelpfad führt über 1250 Meter zu einem riesigen Aussichtsturm, auf dem man schneckenartig bis auf 40 Meter kommt. Auf einer Plattform werden Konzerte gegeben, man sitzt oben und lauscht den Musikern (die Akustik begeistert selbst Fachleute). Wenn zu den letzten Akkorden die Sonne hinter den Wipfeln untergeht, gespiegelt in einem Glas Wein, ist das Wald-Erleben romantisch-perfekt.

Auch das Wanderleben ist fein auf dem Sommerberg, dem Hochplateau über Bad Wildbad, das seit über 100 Jahren mit Schrägaufzug erreichbar ist. Von der Bergstation kommt man zum Wipfelweg und zur langen Hängebrücke, die über die Bärenklinge, eine imposante Schlucht, führt, wo man auf 62 Metern Höhe schwankend in die Lande schauen kann.

Von Kuckuck bis Klinik

Dieser Stadtwald von Bad Wildbad lässt sich mit Mountainbike oder Wanderschuhen durchforsten. Wer will, kann bis nach Enzklösterle radeln, in das Heidelbeerdorf, über Moor und Stock und Stein. Dort feiert man im Juli das Heidelbeerfest und erinnert an Zeiten, als die Gegend von dieser Frucht lebte und Kindern vier Wochen Heidelbeerferien gegeben wurden, damit sie mit ihren Eltern die Beere von den Sträuchern klauben und zupfen und kämmen konnten. Was man alles daraus machen kann, erfährt man auch außerhalb der Erntezeit – das Heidelbeerhaus in Enzklösterle ist ganzjährig geöffnet.

Dass der Schwarzwald einst berühmt war für seine Köhlerei, Pottaschegewinnung und Glasherstellung, hat Spuren hinterlassen. Ebenso die Schmuck- und Uhrenherstellung: Kuckucksuhren aus dem Schwarzwald waren höchst begehrt und bezahlt. Und später wurden auch Präzisionsuhren in alle Welt geliefert. Einige Betriebe haben sich bis heute gehalten, Schmuck wird weiterhin handgearbeitet und eine berühmte Goldschmiedeschule in Pforzheim sorgt für Nachwuchs.

Dass auch das TV für einen Schwarzwaldboom sorgte, mit „Operation Kitsch – Fernsehhit Schwarzwaldklinik“ (Spiegel, 1985), ist erinnerlich. Die Besucher, die da ins Glottertal pilgerten, waren dann höchst enttäuscht, weil man als Nichtpatient natürlich nicht in die Klinik Carlsbau durfte, und weil zudem die Drehorte aus der weiteren Umgebung zusammengetragen waren. Aber ob Märchen-, Opern-, Fernsehschnulzen- oder Sportliebhaber: Der Schwarzwald, ein bisserl Ischl, ein bisserl Gastein, mit einem grünen Luftpolster, der 50 mal 200 Kilometer misst, seit 650(!) Jahren ein beliebter Kurort, ist doch wirklich einen Abstecher (siehe Hauff) wert.

IM SCHWARZWALD

Bad Wildbad: www.bad-wildbad.de

Baumwipfelpfad: www.baumwipfelpfade.de/
schwarzwald/

Palais Thermal: www.palais-thermal.de

Heidelbeerhaus in Enzklösterle: www.heidelbeer-shop.de

Compliance: Die Reise erfolgte auf Einladung von Bad Wildbad.

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.08.2019)

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