Ein kleines bisschen mehr Ruhe, bitte!

Mein Jahr in der Moskauer Kommunalka war eine interkulturell lehrreiche Zeit. Aber jetzt: Ein kleines bisschen mehr Ruhe, bitte!

Wohngemeinschaften, in denen man sich seine Mitbewohner selbst aussucht, sind in Russland nicht üblich. Studenten leben entweder zu Hause oder im Wohnheim, wo man den Lebensgewohnheiten der anderen (und ihrem Lärm) gnadenlos ausgesetzt ist. Eine unvergessliche Zeit, heißt es später euphemistisch.

Noch heute dominieren in Russland Zwangs-WGs nach Art der sowjetischen Kommunalka. Kommunalkas sind Gemeinschaftswohnungen, die nach dem bolschewistischen Staatsstreich in den Apartments der enteigneten Bourgeoisie eingerichtet wurden. Jede Familie erhielt ein Zimmer; Küche und Bad/WC wurden gemeinsam genutzt. Streit war an der Tagesordnung.

Früher bestimmte der Staat, wer mit wem zusammenlebte, heute der Vermieter. Leistbare Mietwohnungen sind in Moskau Mangelware, daher werden Zimmer oft einzeln vergeben – vorzugsweise über Airbnb. Es ist ein Lotteriespiel: Man weiß nie, mit wem man zusammenkommt.

Mein Fazit nach einem Jahr Airbnb-Kommunalka: So viel über die Russen wie von Hausherrin Galina hätte ich in dieser kurzen Zeit sonst nie lernen können. Wir schätzen einander sehr. Mit den Mitbewohnern war es nicht ganz so einfach – großes interkulturelles Geschick ist notwendig, um mit schwatzhaften Südafrikanern, depressiven Brasilianern, lactosesüchtigen Franzosen, verschüchterten Koreanern und – im Sommer – täglich wechselnden Fußballfans ein Auskommen zu finden. Ich habe es versucht. Nun brauche ich – Ruhe, bitte! Trotz allem: Es war eine unvergessliche Zeit.

jutta.sommerbauer@diepresse.com


Nächste Woche:
Oliver Grimm

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.01.2019)

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