Grand Cayman: Reich, auch an Rochen

Grand Cayman ist der vielleicht funkelndste Hochkaräter unter den Karibik-Perlen: populär als Geldversteck der Superreichen, aber auch ein Urlaubsparadies mit einer „Stadt der Kuschelrochen“.

Beliebt. Tauchfahrt in die babyblaue Lagune mitten im Ozean.
Beliebt. Tauchfahrt in die babyblaue Lagune mitten im Ozean.
Beliebt. Tauchfahrt in die babyblaue Lagune mitten im Ozean. – (c) imago/Danita Delimont

Hinter uns zwei röhrende Außenbordmotoren und die edlen Villen von Governor’s Harbour, die schnell zu Liliputhäusern schrumpfen. Vor uns der North Sound, mit anfangs noch tiefblauem Wasser. Lässig lenkt der Captain sein Neun-Meter-Boot mit den Zehen. Der Fahrtwind wühlt sich immer intensiver durchs Haar, die Gischt spritzt rechts und links, denn mittlerweile wird mit 60 Stundenkilometern über die Wellen gebrettert. Allmählich geht der Steuermann, der Salzburger Gastronom Andi Marcher, vom Gas. Die Endstation Sehnsucht, Stingray City, die „Stadt der Rochen“, naht. Bald schaukeln wir in einer babyblauen Lagune mitten im Ozean, ein Gefühl, gleichermaßen surreal wie monumental. Glückstrunken hüpfen wir ins hüfttiefe, glasklare Wasser.

Hier auf der Sandbank, wo die Flatterwesen seit vielen Jahren an Menschen gewöhnt sind, seit lokale Fischer die Abfälle ihres Fangs über Bord gekippt hatten, kommt es tagein, tagaus zu buchstäblich berührenden Begegnungen. Die Rochen der Gattung Southern Stingray stupsen an die Waden, an die Knie und scheinen sich artig zu bedanken, wenn sie Futter kriegen. Andi Marcher spielt mit ihnen, als wären sie Schoßhündchen.

Smart. Auf der Sandbank sind die Rochen Menschen gewöhnt.
Smart. Auf der Sandbank sind die Rochen Menschen gewöhnt.
Smart. Auf der Sandbank sind die Rochen Menschen gewöhnt. – (c) Cayman Islands Department of Tourism/Lawson Wood

Dabei kann sich jeder als Rochenflüsterer versuchen, der den Weg nach Grand Cayman findet, diesem Schauplatz friedlicher Koexistenz von Mensch und Meeresbewohner. An der Westküste des Antillen-Juwels, beim Seven Mile Beach, schauen gelegentlich die nicht zahmen Rochen vorbei. Dort sollte man nicht Hand anlegen, sondern den Augenschmaus ringsum genießen: den Traumstrand vor allem, einer, der zu den schönsten der Welt zählt. Wasser in allen erdenklichen Schattierungen von Türkis, puderfeiner, strahlender, blitzsauberer Sand. Zwar gesäumt von Hotels und Appartementblöcken, aber nichtsdestotrotz ein absolutes Feel-good-Refugium. Strandspaziergänge sind eine heiße Empfehlung, speziell in der Dämmerung: Abgesehen von der üblichen Farborgie am Cinemascope-Firmament hängt da gelegentlich auch nur eine einzelne neonpinke Wolke über dem Coral Stone Club. Als würden Tausende Scheinwerfer ein letztes Mal den Einzug der Nacht aufhalten wollen. Wer am nächsten Morgen abtauchen will in die geheimnisvollen Tiefen bei Riffen und Korallenbänken, dem wird es auch nicht wirklich schwer gemacht. Auf Cayman locken 365 Tauchreviere – theoretisch für jeden Tag des Jahres ein anderes.

Tom Cruise was here. Grand Cayman ist eine wahre Wundertüte, kein karibisches Allerweltsziel. Hingesprenkelt im langen Schatten von Kuba und etwa 300 Kilometer nordwestlich von Jamaika. Eine mystische Location; 35 Kilometer lang, maximal 13 Kilometer breit, 1503 von Kolumbus auf seiner vierten Reise in die Neue Welt entdeckt. Erste Bewohner, noch vor den Piraten: Reptilien von Alligatoren bis zu Leguanen. Die Meeresschildkröten gaben der Insel den ersten Namen: Las Tortugas. Später Lagartos (für Alligatoren oder Riesenechsen) und letztlich Caymanas für Kaimane.

Heute verteilen sich auf das knapp 270 Quadratkilometer große britische Überseeterritorium knapp 57.000 Einwohner, die kleineren Nachbarinseln Little Cayman und Cayman Brac schon inklusive. Europäische Touristen sind hier eine seltene Spezies verglichen mit den Nordamerikanern, die bis zu 90 Prozent der Besucher stellen und sich auch deshalb so wohlfühlen, weil der Service- und Hotelstandard ähnlich hoch ist wie zu Hause.

Raffiniert. Die Küchenleistungen auf den Caymans sind beachtlich.
Raffiniert. Die Küchenleistungen auf den Caymans sind beachtlich.
Raffiniert. Die Küchenleistungen auf den Caymans sind beachtlich. – (c) Hemingway’s

In unseren Breiten sind die Cayman Islands maximal als berüchtigte Steueroase ein Begriff, als Außenposten von Briefkastenfirmen, wo schon einmal filmreif Geld gewaschen wird – nicht nur im Grisham-Thriller „Die Firma“ mit Tom Cruise und Gene Hackman, der zum Teil auch am Seven Mile Beach gedreht wurde. Vom pastelligen Anstrich der Hauptstadt George Town und den harmlosen Duty-free-Läden für die Urlaubermassen von den Kreuzfahrtschiffen darf man sich nämlich nicht täuschen lassen: Grand Cayman ist eines der größten Hedgefonds-Zentren auf dieser Welt.

An die 500 Banken, dazu Versicherungen, Anwaltskanzleien und Vermögensberatungen tummeln sich an diesem lauschigen Finanzplatz. 90.000 Unternehmen sollen nach konservativen Schätzungen registriert sein, auch die Zahl 200.000 ist schon über den einkommensteuerbefreiten Tropentraum geschwirrt. Satte 55 Prozent der Inselwirtschaft machen die Finanzdienstleistungen aus. Das kostenschonende Parken von Vermögen wird dennoch „immer schwieriger“, weiß Andi Marcher. Caymans VIP-Klienten kratzt das sicher wenig: Jack Ma, 53-jähriger Gründer des chinesischen Internetriesen Alibaba, der im September 2014 bei seinem Börsengang in New York die Weltrekordsumme von 25 Milliarden Dollar eingesammelt hat, ist mit seiner Holding längst in George Town vor Anker gegangen. Der jüngste Milliardärsindex von Bloomberg wies Ma mit kolportierten 47,5 Milliarden Dollar als einen der reichsten Unternehmer Asiens aus.

Verlässt man George Town Richtung East End, schrumpft die rund um den „Capital Place“ der Hauptstadt verdichtete Moneymaker-Gier freilich auf die überschaubare Größe eines Kokosnüsschens. Die Stimmung wird mit jedem Kilometer entschleunigter, ursprünglicher, insularer. Mike Minichiello, ein Kitesurf-Lehrer, ist von Miami dauerhaft in diese Idylle gezogen: „Auf Grand Cayman kannst du den wahrscheinlich höchsten Lebensstandard der gesamten Karibik genießen. Es gibt auch anderswo wunderschöne Plätze, aber nicht diese Infrastruktur und diese Sicherheit.“

Prämiert. Traumstrände, hotelgesäumt, aber dennoch schön.
Prämiert. Traumstrände, hotelgesäumt, aber dennoch schön.
Prämiert. Traumstrände, hotelgesäumt, aber dennoch schön. – (c) Hemingway’s

Bekocht von der Crème de la Crème. Auch der Gaumen wird auf höchstem Niveau gekitzelt. Mehr als 150 Restaurants, von der einfachen Strandhütte unter dem Sternenhimmel bis zum raffinierten, gut gekühlten Gourmettempel, erheben die hochpreisige Insel zum Kulinarik-Hotspot. Freizeitkapitän Andi Marcher steht stellvertretend für die gehobene Küche, die im tropischen Ambiente zelebriert wird. Der 51-jährige Salzburger aus Ebenau schaukelt mit seinem italienischen Kumpel Paolo Polloni drei der angesagtesten Ristoranti der Insel, das alteingesessene Ragazzi, das hippe Luca mit seiner Fine-Dining-Ausrichtung und als Neuzugang das Hemingway’s mit seinen gefragten Sushi-Kreationen.

Haute Cuisine wird im Blue des Ritz-Carlton aufgetischt. Verantwortlich dafür zeichnet Eric Ripert, geborgen in Antibes, aufgewachsen in Andorra. Als Gastgeber des immer im Jänner stattfindenden Foodfestivals „Cayman Cookout“ lockt er alljährlich seine Starkoch-Freunde auf die Insel. Ripert ist für einen mit drei Michelin-Sternen dekorierten französischen Herdkünstler (für sein Stammhaus Le Bernardin in New York City) erstaunlich bescheiden: „Auf Grand Cayman habe ich die Chance bekommen, die Traditionen des Mittelmeers, der Karibik und all der anderen Regionen der Welt, wo Seafood im Mittelpunkt der lokalen Küche steht, zu fusionieren.“ Das kann dann schon einmal in eine Menüfolge wie diese münden: als Appetizer ein Kokos-Ingwer-Süppchen mit Hummer, Avocados und Mango. Als Hauptgang Gelbschwanz-Thunfisch in einer Soja-Zitrus-Vinaigrette und Pak Choi. Dessert: Schokokuchen mit einem Schuss Kaffee und Dulce de leche, Kokossorbet.

Model und Meerjungfrau. Wenn einem im Blue ein Engel begegnet, muss das nicht zwangsweise bedeuten, dass man zu intensiv dem Rum zugesprochen hat: Ex-Victoria’s-Secret-Model Selita Ebanks schaut bei ihren seltenen Heimatbesuchen gern auf ein Sprüngerl vorbei. Wohl auch deshalb, weil die Portionen die Fashion-Beauty, die in der Ära Heidi Klum groß herauskam, nicht überfordern.

Doch Ebanks ist keineswegs die einzige starke Frau der Insel. Tanya Streeter stöckelt nicht nur auf High Heels über den Catwalk oder zu edlen Schmuckpräsentationen, sondern trägt auch Flossen an den Beinen – in der Community der Apnoe-Taucher. Streeter, die mittlerweile wie Ebanks in den USA lebt, stellte fast ein Dutzend Weltrekorde im Tauchen ohne technische Hilfsmittel auf. In der Disziplin „No Limit“ stieß sie als erster Mensch überhaupt in eine Tiefe von 160 Metern vor. Streeter kann die Luft sechseinhalb Minuten lang anhalten – unsereins schafft gerade 40 Sekunden.

Atemlos macht auch die Abendstimmung am Seven Mile Beach. Immer eine gute Idee: Ein Sundowner im schicken, ein Jahr alten Kimpton-Hotel, das noch mehr Luxus an den Vorzeigestrand zauberte. Oder ein Absacker am Balkon der Silver Palm Lounge des Ritz-Carlton. Die Brise ist lau, der Himmel fliederfarben, mit rosa Wolken in der Ferne und zum Greifen nahen Palmwedeln. Ein Froschkonzert matcht sich mit der swingenden Barmusik: „Dream a Little Dream of Me . . .“ Höchste Suchtgefahr. Es wird dann vielleicht doch noch ein dritter Rum Runner. Oder ein vierter.

Tipps

Infos: www.caymanislands.ky

Anreise: Mit British Airways viermal die Woche London–Grand Cayman. Tipp: die Kombi Florida–Grand Cay­­man. Von Miami ist die Insel mit Cayman Airways oder American Airlines nur eine Stunde entfernt. www.britishairways.com, www.caymanairways.com, www.aa.com
Mietwagen: Budget, www.budgetcayman.com, Avis Rent a Car, www.aviscayman.com, Achtung: Linksverkehr!


Strandhotels:
Kimpton. Erster Neuzugang auf Grand Cayman seit zehn Jahren und laut Eigendefinition „erstes Lifestyle-Resort der Insel“: 266 Zimmer, drei Restaurants, zwei Pools, Kids Club, Spa mit Hamam. www.seafireresortandspa.com

Ritz-Carlton. Édith Piaf zwitschert hier schon zum Frühstück „La vie en rose“. Ein Motto, dem sich der noble Hotel-Platzhirsch auch für den Rest des Tages ver­­pflich­tet fühlt. Toplage, ­Spitzengastronomie, La-Prairie-Spa, eigener Greg-Norman-Golfplatz und Tenniszentrum. www.ritzcarlton.com

Carribean Club. Vom Pudersand des Seven Mile Beach zu den 37 großzügigen Luxusresidenzen braucht es nur wenige Schritte. Marchers Luca ist in den Komplex integriert. www.caribclub.com
Westin Casuarina. Gehobene Herberge mit Hausriff. www.westincasuarina.com

Gastronomie:
Blue. Himmlische Küche,
hochpreisig, www.ritzcarlton.ky
Hemingway’s. Asian Fusion at its best. www.hemingways.ky

Luca. Kulinarischer Brückenschlag zwischen Italien und Karibik. Süffige Weinliste. Populär bei Einheimischen wie Touristen. www.luca.ky
Ragazzi. Marchers Erstling wurde von der „Times“ als „schickes und unprätentiöses Ristorante“ geadelt. www.macocaribbean.com

Tauchreviere:
Stingray City. Weit über 300 Dive Sites locken, aber die „Stadt der Rochen“ gilt als das außergewöhnlichste seichte Tauchrevier der gesamten Karibik. www.stingraycitytrips.com

Bloody Bay Wall. Der Steilwand-Gigant auf Little Cayman. Großartige Korallengärten. Gekürt zum besten „Wall Dive“.

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