Kathrin Röggla: "Enge der Heimat ist nichts für mich"

Die Schriftstellerin Kathrin Röggla wanderte als Studentin aus, zog von Salzburg nach Berlin. Ihr Schreibstil blieb österreichisch, ihre Themen sind global. Ein Gespräch über Kunst als Waffe der Intellektuellen.

Kathrin Roeggla Enge Heimat
Kathrin Roeggla Enge Heimat
Kathrin Röggla – (c) Clemens Fabry

Warum sind Sie einst von Salzburg nach Berlin gezogen? Haben Sie diesen Schritt jemals bereut?

Kathrin Röggla: Nein, ich hab es nie bereut! Ich wollte damals einfach in die große weite Welt hinaus. In einer Großstadt leben, die den Namen verdient. Wien war mir zu eng. Erst ging ich nach New York, und es war auch mein Traum, dort zu bleiben. Das wäre ein noch krasserer Schritt gewesen. Ich habe es dann nicht gemacht, weil es zu teuer war, und wegen meiner Muttersprache, der ich sehr verbunden bin. Und dann wurde halt Berlin daraus.

 

Bernhard und Jelinek haben sich an ihrer Heimat abgearbeitet. Sie hingegen haben sich an einen Ort abgesetzt, an dem Sie sich wohler fühlen, und schreiben dort über globale Themen. Eine persönliche Sache oder eine Generationenfrage?

Es ist beides. Meine ganze Generation lebt ein internationaleres Leben. Mich interessieren die Prozesse, die sich zwischen Ländern und Kulturen abspielen. Dieses Sich-Reiben an der heimatlichen Enge, wie bei Bernhard, das wäre nichts für mich. Ich muss raus können, das Gefühl haben: Es gibt auch ein anderes Leben. Ich finde es auch sehr bedrückend, mich mit Populismen und Rechtsradikalismus auseinanderzusetzen, was für meine Kollegen in Österreich notwendigerweise Thema ist. Mich damit ständig aufzureiben würde bei mir zu einer Lähmung oder Depression führen.

 

In der Vorrede zu „totficken“ heißt es: „Das wahre Österreich ist tief in uns drinnen, das bleibt da einfach stehen.“ Was bleibt bei Ihnen stehen, auch nach 20 Jahren in Berlin?

Die Sprache und die Literatur. Ich sage immer noch: Ich bin eine österreichische Autorin, der sprachkritischen und sprachspielerischen Tradition sehr verbunden. Da kommt aus Österreich viel, was mit mir zu tun hat. Vor allem der Umgang mit Ironie und Witz. In Deutschland ist die Literatur sehr aufklärerisch im klassischen Sinn. Das wäre mir zu naiv.

 

Die Deutschen haben also tatsächlich ein anderes Verständnis von Humor?

Ja, und das ist ziemlich krass bei Lesungen. Es gibt aber ein Nord-Süd-Gefälle, in Bayern ist es schon anders. Ich habe einmal einen SWR-Preis bekommen, da gab es viele Kritiker in der Jury. Für mich gestimmt haben die aus dem Süden, die aus dem Norden mochten das nicht.

 

Was unterscheidet das österreichische vom deutschen Publikum sonst noch?

Das Stadttheater ist in Österreich ein Ort, der immer noch sehr konventionell und bürgerlich funktioniert. Das Publikum in Berlin ist offener. Theater als Diskursraum, wie es die Volksbühne immerhin 15 Jahre lang sehr erfolgreich vorgemacht hat, das habe ich in Österreich nicht erlebt.

 

Sie bezeichnen sich als Pessimistin, das sei wohl Ihr österreichisches Erbe. Sind Sie stolz darauf?

Nein, ich sehe das eher kritisch. Zwar merke ich, dass ich diese Figur des Pessimismus mitbringe und damit umgehen muss. Aber das führt in etwas Reaktionäres rein. Andererseits kann es in Zeiten wie diesen, wenn alle ihr Vokabular in Richtung „Positive Thinking“ schärfen, durchaus etwas Widerständiges haben. Und es ist auch eine Altersfrage: Je älter ich werde, desto mehr suche ich nach Alternativen und Erzählungen, die etwas verändern können.

Wie erleben Sie Salzburg, wenn Sie dorthin zurückkommen? Was ändert sich?

Der Shopping-Wahnsinn hat in den letzten 15 Jahren extrem zugenommen. Dieses „Man muss diese Markenprodukte haben“, das springt einem schon ins Auge, wenn man in die Stadt reinkommt: die massive räumliche Besetzung durch Konsumtempel. Verändert hat sich in ganz Österreich auch die Art und Weise, wie politisch gesprochen werden kann: dass Populismen stärker werden, Ressentiments gesellschaftsfähig sind. All das, was 1986 mit Haider angefangen hat.

 

Und die Salzburger Festspiele?

Früher war das reine Repräsentationskultur, das hat sich in eine positive Richtung verändert. Aber die Festspiele sind weiterhin kein Ort, an dem ich mich wegen der sozialen Umgebung gern aufhalte.

 

Was kann eine intellektuelle Literatin gesellschaftlich bewirken?

Meine Aufgabe liegt darin, Dinge in einer Weise wahrnehmbar zu machen, wie es nur Kunst kann. Das hat mit Sinnlichkeit zu tun, mit einer Wahrnehmung, die nicht auf die herrschende Werbeaussage setzt, sondern die Dinge hinterfragt.

 

Ist das ein Vorteil gegenüber Reden, Essays, Leitartikeln? Oder besteht die Gefahr, dass Ihre Werke nur ästhetisch wahrgenommen werden und die Ideen nicht ankommen?

Ich glaube schon, dass die Ideen diffundieren. Es sind eben nicht Ideen hinter einer eigentlichen Aussage, jenseits der Form. Die Kunst schafft einen Raum, in dem gesellschaftliche Wahrnehmung und Reflexion auf einer ganz anderen Ebene ansetzen als in der Tagespolitik. In den Medien haben wir vorgefertigte Formate. Der Blick ist zugerichtet, die Dinge verstellt, gewisse Fragen tauchen gar nicht auf. Auch das muss Kunst korrigieren. Sie erzählt Dinge, die man noch nicht gehört hat, die aber doch mit einem zu tun haben.

 

Sie haben im Mai den Schnitzler-Preis erhalten. Natürlich hochverdient, aber insofern etwas seltsam, als Sie doch ganz anders als Schnitzler nicht tief in die Seelen einzelner Figuren hineinblicken...

Ich finde, ich bin in den letzten Jahren sehr psychologisch geworden! Nur habe ich vielleicht eine andere Auffassung von Psychologie, als sie üblich ist. Gerade die Klischees im psychologischen Theater haben mit der realen Psyche nicht viel zu tun: dass man eine Figur so aufbaut, dass sie ein Individuum darstellt, das ganz eigen und einzigartig ist.

 

Sie haben immer das Soziologische, das große Ganze im Blick...

Ja, das ist es, was mich fasziniert. Welche Kräfte, sozialen Bande, Zuschreibungen rütteln an uns, wo sind wir verortet? Mich interessieren nicht Menschen, sondern Zwischenmenschen.

 

„Kinderkriegen“, Ihr neues Stück, schlägt aus der Reihe: Sie haben sich diesmal kein fremdes Milieu durch Recherche erarbeitet.

Oh nein!

 

...sondern aus eigener Erfahrung geschöpft, als Mutter zweier kleiner Kinder. Sie zeigen Eltern als hoch neurotische Wesen. Ist das Kritik an anderen oder Selbsterkenntnis?

In all meinen Texten steckt immer Selbstkritik mit drin. Auch wenn es um Unternehmensberater geht: Mit denen hab ich ja etwas zu tun. So auch hier. Aber es geht mir auch um den Diskurs, der ums Kinderkriegen geführt wird. Die demografische Debatte, dass Akademiker wieder mehr Kinder kriegen müssen. Der Boom der Spielzeugindustrie. Die Sinnstiftung – es ist ja auch sinnstiftend, Kinder zu haben, aber warum diese krasse Überhöhung?

 

Wie ist es dazu gekommen?

Ich glaube, es hat etwas mit der sozialen Erosion zu tun. Man macht sein eigenes kleines soziales Paradies auf, wo die größeren nicht mehr da sind. Weil man nicht mehr weiß, wo es gesellschaftlich hingeht. Am Kind kann man sich festhalten. Das hat etwas Biedermeierliches.

 

Der „Spiegel“ nannte Ihr Stück ein „literarisches Verhütungsmittel“. War es Ihre Absicht, so etwas zu fabrizieren?

Oh nein. Ich wollte diesen ganzen hoch neurotischen Diskurs befragen. Und ich wollte mir den Frust von der Seele schreiben. Beim Kinderkriegen verstärkt sich die restaurative Tendenz: Frau zurück an den Herd, Männer an die Arbeit. Wir Frauen geraten unter Druck, werden gesellschaftlich beobachtet. Mutterschaft ist der Beginn des permanenten Schuldgefühls. Du kannst es nur falsch machen. Dieses dominante Mutterbild gibt es in drei Regionen: im deutschsprachigen Raum, in Italien und in Japan. Genau dort werden die wenigsten Kinder geboren.

 

Sie gelten als die „Reporterin unter den Dramatikern“. Wie erleben Sie, was wir Printjournalisten so schreiben?

Die jüngeren Journalisten arbeiten heute in prekären, flexiblen Verhältnissen – und müssen sich deshalb mehr andienen und schnell einfügen. Das erzeugt oft Druck, schlecht recherchierte Sachen. Und die Zeitungen fokussieren sich jetzt auf dieses Wochenendding. Das wird dann ganz bunt. Da wird nicht mehr argumentiert, da werden nur noch Storys, schöne Geschichten erzählt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.10.2012)

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