Matti Bunzl: "Ein bisschen Chicago täte Wien gut!"

Der Islam in Europa europäisiert sich, sagt Matti Bunzl, ab 2015 Direktor des Wien-Museums. 24 Jahre lebte er in den USA. "Ich hatte massives Heimweh", betont der Historiker und Anthropologe.

PK WIEN MUSEUM: MATTI BUNZL
PK WIEN MUSEUM: MATTI BUNZL
Matti Bunzl – APA/ROLAND SCHLAGER

Sie stammen aus der Papier-Dynastie Bunzl& Biach. Die Firma wurde in der NS-Zeit arisiert, danach zurückgegeben und ist heute ein internationaler Konzern.

Matti Bunzl: Mein Vater ist der Nahost-Experte John Bunzl. Mit dem Industriekonzern habe ich nichts zu tun. Die Familie musste fliehen, das Unternehmen wurde arisiert, das ist richtig. Alle Mitglieder der Familie sind in England geblieben oder in die USA ausgewandert, bis auf meinen Großvater Viktor Bunzl. Er wollte zurück nach Österreich. Nachdem die Fabrik im Piestingtal zurückgegeben wurde, war mein Großvater Direktor der Fabrik. Er hat mich oft herumgeführt, mein Vater ist im Piestingtal aufgewachsen. Die Bunzls sind eine große Familie, ich bin jetzt mit vielen Bunzls über Facebook verbunden, was ganz lustig ist.

 

Sie brechen Ihre Zelte in Amerika ab und übernehmen als Nachfolger von Wolfgang Kos 2015 das Wien-Museum. Tut es Ihnen nicht leid um ihre Karriere in den USA?

Ich bin in Wien geboren und habe hier Matura gemacht. Zum Studium bin ich nach Amerika gegangen und dort hängen geblieben. Seit 24 Jahren bin ich in den USA. Ich hatte dort wirklich tolle Chancen. Aber ich hatte auch massives Heimweh nach Wien, obwohl ich jedes Jahr dreimal hier war. Emotional ist mein Herz immer in Europa geblieben. Ich bin ein Urwiener. Ja, ich breche meine Zelte in den USA ab, wir verkaufen unser Haus, geben die Kunstsammlung ins Storage, weil wir momentan in Wien keinen Platz für sie haben. Ich löse mich vollkommen, ich habe kein Rückkehrrecht, auch mein Chicago Humanities Festival gebe ich auf.

 

Ist das ein Kulturfestival?

Es ist ein klassisch amerikanisch-pluralistisches Festival. Wir haben hundert Events, eine Riesenleinwand, von der vieles übertragen wird. In Chicago ist ja Majority-Minority, von der Stadtbevölkerung sind 50 Prozent nicht weiß. Wir suchen an um öffentliche Gelder, aber vom Budget machen diese vielleicht 0,5 Prozent aus.


Sie haben viel publiziert, auch über Antisemitismus und Islamophobie. Was ist Ihre Prognose für das künftige Zusammenleben verschiedener, auch verfeindeter Gruppen? Und für den explosiven Nahen Osten?

Ich bin kein Experte für den Nahen Osten. Ich kenne mich aber sehr gut aus mit dem Islam in Europa. Es gibt ganz klar eine Europäisierung des Islam in Europa. Der Islam ist Teil der europäischen Landschaft und wird dadurch stark verändert. Es bildet sich zum Beispiel eine muslimisch strukturierte Zivilgesellschaft, das ist sehr spannend!


Wir sehen aber auch, dass sich der teilweise radikale Konflikt zwischen Sunniten und Schiiten in Europa auswirkt, das jahrhundertelang von den Konflikten zwischen Christen, katholischen und evangelischen, also etwas Ähnlichem, gezeichnet war.

Sicher existieren da Parallelen. Ich bin im Endeffekt Optimist. Da bin ich amerikanisch geprägt. Durch die Migrationsströme entstehen natürlich Spannungen, aber auch ein Kulturwandel. Der Islam, der ja viele verschiedene Formen kennt, ändert sich meiner Ansicht nach sehr stark im Kontext der europäischen Kultur. Es gibt türkisch-deutsche Intellektuelle, die Professuren haben werden, türkisch-deutsches Kabarett. Das beschreibt in etwa die Bandbreite der Veränderungen.

 

Für muslimische Geschäftsleute hier ist etwas wie IS vermutlich eine große Belastung.

Da haben Sie recht. Nehmen wir Amerika: Es hat viele Probleme. Aber es gibt in Amerika keinen Widerspruch, sich ethnisch zu definieren und gleichzeitig vollkommen amerikanisch zu sein. Da können wir viel von Amerika lernen. Es gibt in muslimischen, arabischen Gemeinden in den USA viel amerikanischen Patriotismus, aber auch ein starkes Bewusstsein von arabischer Identität. Es ist meine Hoffnung, dass wir in Europa in diese Richtung gehen.

 

Erfolgreiche Integration steht und fällt mit der Wirtschaft, mit Arbeitsplätzen.

Das stimmt.

 

Wie beurteilen Sie den Vormarsch von Rechtsparteien in vielen Ländern Europas? Auch in den USA gibt es Neonazis.

Ja, aber sie sind ein Randphänomen. Was ich faszinierend und schockierend finde, ist, dass in Europa die rechten Parteien niemals den Sozialstaat infrage stellen würden. Sie sind linker als in Amerika die Demokraten. Präsident Obama hatte die größten Probleme mit seiner Idee der allgemeinen Gesundheitsversorgung.

 

Sprechen wir über das Wien-Museum, das einen Zubau erhalten soll. Glauben Sie daran? Haben Sie eine Zusage der Stadt?

Es gibt einen Beschluss der Stadt und eine Gesellschaft, die das organisieren wird. Ich bin sicher, dass der Neubau kommt. Leider wird das Museum während des Umbaus längere Zeit geschlossen bleiben: Der Haerdtl-Bau, der Altbau am Karlsplatz, muss saniert werden. Aber das Wien-Museum hat ja 20 Dependancen, darunter die Hermes-Villa, vielleicht kann man auch etwas für Ausstellungen anmieten.

 

Wie schaut der Zeitplan genau aus? Bei der Hamburger Elbphilharmonie geht wenig weiter, die Baukosten wurden enorm überschritten. Wie wird das in Wien vermieden?

Es wird eine Raum-und Konzeptstudie gemacht. Wolfgang Kos hat viel vorgearbeitet. Der Architekturwettbewerb soll 2015 ausgeschrieben werden. Man darf bei so einem Großprojekt nichts verzögern, aber auch nichts verhudeln. Ich glaube nicht, dass hier so etwas wie in Hamburg passieren kann. Meine erste Ausstellung wird sich übrigens mit Wien 2050 befassen.

 

2050 wird also die Welt noch existieren.

Ja. Das Museum ist einerseits ein Ort des Sammelns, Bewahrens, Forschens, andererseits soll das Wien-Museum auch ein Ort für Gespräche, den Diskurs über die Stadt sein. Die Bevölkerung soll mitdenken, mitreden.

 

Glauben Sie wirklich, dass das funktioniert? Die Stimmung zwischen den Gruppen ist teilweise frostig, zum Beispiel in den Gemeindebauten. Das oft glorifizierte Wien der Jahrhundertwende mit seiner „Multikultur“ wurde in zwei Weltkriegen zerstört.

Ich glaube, dass die amerikanische Devise „Live and let live“ auch hier sehr stark geworden ist. Wir müssen die Stadt neu denken, auch von den Randgruppen her, mithilfe des Museums, aber auch sonst. Wien ist eine spannende Weltstadt, in der so viel passiert, kulturell, intellektuell. Da möchte ich mitgestalten. Ich sehe zum Beispiel, dass es viel weniger Ressentiments gegen die ,Piefke‘ gibt als früher. Das ist jetzt ein ganz entspanntes Verhältnis – und die Deutschen lieben Wien.

 

Glauben Sie, es gibt letztlich mehr Nebeneinander als Gegeneinander? Das ist ein Unterschied zur Nachkriegszeit. In Wien haben ja immer schon wenige Wiener gelebt.

Da möchte ich etwas korrigieren. Die Mehrheit wird nicht deutschstämmig sein. Trotzdem werden viele Wiener in Wien leben. Der wichtigste Punkt ist die Schule, die Sprache. Es gibt die erste Generation der Zuwanderer in Amerika, aber in der nächsten sprechen schon alle fließend Englisch. In Amerika ist das nicht so ein Riesenproblem, niemand macht sich darum Sorgen. Die Sprache und die Kultur bereiten den Weg. Es gab diesen Slogan der FPÖ: Wien darf nicht Chicago werden. Ich sage: Ein bisschen Chicago täte Wien ganz gut. Es gibt dort eine großartige wirtschaftliche und kulturelle Infrastruktur, die Theaterszene ist die beste in den USA. Chicago ist eine riesige Stadt mit drei Millionen Einwohnern, acht Millionen im Einzugsgebiet.

 

Sie sind ein großer Opernfan. Was mögen Sie lieber: traditionelle oder moderne Inszenierungen?

Ich bin süchtig nach Opern. Ich habe als Kind Klavier gelernt. Wir haben uns schon alles Mögliche bestellt, in der Staatsoper und im Theater an der Wien. Ich liebe moderne Inszenierungen. Wir haben von jeder Oper zehn Aufnahmen, wir schauen auch alles mehrmals an. Für mich ist Oper kein museales Genre, aber man kann auch traditionelle Regieansätze innovativ bringen. Ich freue mich schon, wenn „Geschichten aus dem Wiener Wald“ von HK Gruber im März 20105 ins Theater an der Wien kommt. Leider war ich seit Jahrzehnten nicht bei den Wiener Festwochen. Jetzt werden wir hingehen und auch ins Theater. Das ist einer der vielen Gründe, warum ich sehr gern nach Europa zurückkomme.

 

Sie interessieren sich für Randgruppen und für Oper. Alles kein Widerspruch?

Nein. Das finde ich eine konventionelle Vorstellung: dass man progressiv ist, wenn man sich für Randgruppen interessiert, für Pluralismus eintritt – und konservativ, wenn man sich für Oper interessiert. Die Kultur ist ein Mosaik. Alles hat seine Berechtigung.

 

Herr Bunzl, darf man Sie auch fragen . . .


1 . . . ob Ihre Familie Sie nach Wien begleitet – und was sie zur Übersiedlung sagt?

„Ich habe einen Ehemann, der mitkommt. Er ist Amerikaner, Pianist und Musikwissenschaftler. Nach Wien zu übersiedeln ist sein Lebenstraum. Wir sind absolute Opern-Narren.“

2 . . . ob die Kultur- und Opernleidenschaft eine Art Religionsersatz für Sie ist?

Ja. Ich bin säkular erzogen worden. Da kann man sich nicht einen imaginären Gott zusammenreimen. Natürlich hat man mehr Angst vor dem Tod. Die Geborgenheit, die Religion gibt, kann ich nicht nachvollziehen. Mein Großvater hat mich in die Oper mitgenommen, Kultur als Ersatz für die Religion, das ist speziell für die deutsch-jüdische Tradition üblich.

3 . . . ob es an Wien bei aller Liebe etwas gibt, das Sie nervt?

Für Kulturpessimismus habe ich nicht viel übrig. Ich halte es mit dem US-Wirtschaftspositivismus und mit Präsident Obama: Yes we can.

 

Steckbrief

1971
Matti Bunzl wird am 8.Juli in Wien geboren. Er studiert in Stanford und Chicago.

1998
Bunzl wird Assistant Professor am Department of Anthropology der Universität von Illinois, wo er seit 2008 Professor ist.

2004
Bücher über „Symptome der Moderne: Juden und Queers im Wien des späten 20.Jahrhunderts“, „Antisemitismus und Islamophobia: neuer und alter Hass in Europa“, „Auf der Suche nach einer verlorenen Avantgarde: Ein Anthropologe erforscht das Contemporary Art Museum“.

2010
Bunzl wird Artistic Director des Chicago Humanities Festival, das sich Themen wie „America“, „tech.knowledge“ und „Animal: What makes Us Human“ widmet.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.10.2014)

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