Waldbaden: Frischluft für gestresste Städter

In Stille sein, aus der Natur lesen und aus dem Grün Kraft schöpfen: Die Idee des Waldbadens ist nicht neu, wohl aber deren Umsetzung als Auszeit mit Begleitung.

(c) Carolina Frank

Vor dem Eingang zum Wald stellen wir uns locker auf, die Smartphones stecken ausgeschaltet im Rucksack, neben all dem anderen Zeugs, das kein Mensch zwischen vielen Bäumen braucht. Genauso wie den Müll im Kopf. Nicht jedem gelingt es gleich, die kruden Alltagsgedanken hinterm ersten Haselstrauch abzustellen. Aber das macht nichts, denn der steirische Wald kennt keine Reglements (außer die, die in jedem Naturführer und im Stammhirn unter dem Punkt Hausverstand stehen). Beim „Auszeit“-Waldbaden im Naturpark Zirbitzkogel-Grebenzen schon gar nicht.

Claudia Gruber, Natur- und Landschaftsvermittlerin sowie angehende Naturtherapeutin, lässt uns etwas Zeit. Dann ergreift sie das Wort, erklärt Ablauf und Hintergrund des Waldbadens, erklärt den Eingang zum Wald als Schwelle: „Überschreitet sie bewusst und geht dann ganz langsam weiter.“ Es ist eine erste Übung zur länger anhaltenden Erdung: Slow Motion, anfangs mit Respektabstand. Gruber gibt uns immer wieder Fragen mit beim Vordringen in die grüne Sphäre: „Was sind meine Wurzeln?“ oder „Was gibt mir Halt?“. Auch: „Welchen Anteil haben die Dinge aus dem Wald an mir?“ Und tatsächlich, der Wald antwortet auf seine eigene Weise, man muss ihm nur zuhören.

Waldbaden: Im grünen Bereich

Wir ziehen die Schuhe aus, weil sich das unmittelbarer anfühlt, und nach ein paar Metern verwandelt sich der Waldboden in einen grobmaschigen Teppich aus Fichtennadeln, Steinchen, Erde, Moos, Laub. Eine Wahrnehmungsübung später fällt es plötzlich ganz leicht, Töne aus sich herausfließen zu lassen. Ist doch unerheblich, wenn sie schräg sind. Und als wir uns abwechselnd mit verbundenen Augen durch den Wald führen, uns gegenseitig Blätter, Wurzeln, Rinden greifen und befühlen lassen, ist das mehr Herausforderung, als man gedacht hat. Am Ende, als wir durch ein Tor aus dem Wald herausschreiten: angeregte Muskeln, aufgeräumter Kopf, die Lungen erfüllt von gesunder Waldluft, das Gemüt von guter Laune.

Waldnutzung. Freilich, man könnte ganz allein in den Wald gehen, ganz ohne kundige An- und Begleitung, ohne Fragestellung, ohne Waldwissen. So wie meistens. Allgemein sind dem Wald ja bestimmte Rollen zugedacht: Er fungiert als „grüne Lunge“ für den Städter, als Spazierrevier, als Feinstaubsauger entlang der Verkehrsstränge, als Sicherheitsgürtel zwischen Tal und Gipfel. Wir sehen den Wald einerseits als Feinkostladen, voller Pilze und Beeren (sowie Wichtenwipfel und Birkenrinde aus Sicht fortgeschrittener Verwerter), obwohl Waldbesitzer das nicht gerne sehen. Andererseits nützen wir den Wald als Sportplatz, durch den wir rennen, weil die Federung auf Naturboden eben besser ist als die auf der Prater Hauptallee. Und wenn wir den Hund durch den Forst begleiten, sind mit dem Gassigehen und der Frischluftbedarfsabdeckung gleich zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen. Aber so, wenn die Aufmerksamkeit auf das derart Naheliegende, auf die natürlichen Kräfte und die in uns verschütteten Erinnerungen gelenkt wird? Vermittelt von walderfahrenen Menschen – und entschlüsselt letztlich von einem selbst? Dann ist der Wald durchaus Neuland.

Die Aufmerksamkeit steigt: Der Wald erscheint uns nicht bloß als ein Raum aus Bäumen und niedrigeren Pflanzen. Er ist auch ein großes Geräusch. Ein aromatisches Biotop. Eine Mikroklimasphäre. Ein Specht klopft um Einlass in die Fichte, kopfüber zischen Bremsen hin und her. Der Lufthauch im Rücken, der Waldbadkollege, aber auch die Eigenbewegung der Zweige. Gehen, ­stehen, weitergehen. Keiner sagt ein Wort, als hätte es einen Hinweis gar nicht gebraucht. Und wie es hier riecht, so kurz nach dem Regen, so kurz vor dem nächsten. Wie schnell ist der Parasol gewachsen? Wo laufen die Ameisen hin? Wie kommuniziert der Baum mit seinen Ablegern?

Vieles beim Waldbaden ist angreifen und genau betrachten: Gruber appelliert an die kindliche Neugier und motiviert uns, ein paar Dinge zu sammeln. Der Wald erweist sich als volles Regal: Tannenzapfen, Reisig, Waldblumen, Beeren, Blätter, Rinde. Ins Moos ausgestreckt, auf Baumstümpfen sitzend, eingerahmt von Disteln und Farnen betrachten wir Fundstücke durch die Lupe. Zerlegen spiralförmige Tschurtschen, lesen aus den Adern der Blätter Landkarten. Die Seiten in dem „Auszeit“-Logbuch füllen sich mit Notizen, Zeichnungen, Papier, auch das stammt aus dem Wald, letztlich.

Der Wald rund um den Landsitz Pichlschloss, von wo die „Auszeit“ mit Waldbaden startet, ist dezent möbliert, vor Kurzem hat man dort eine lauschige Sitz-Zwiebel aufgestellt und einen Zweisitzer auf ein Podest gehoben. Die Attraktionen der Waldgänger von einst waren andere: eine Kapelle und nachgedunkelt, fast mysteriös, Andenkenbilder auf einem Stamm, Botschaften, die Generationen vor uns besser deuten konnten.

Gesamterlebnis. Der aktuelle Hype um den Wald, das Waldbaden, die güne Kraft aus der Natur kommt nicht von ungefähr. Zwecks Psychohygiene und körperlicher Regeneration suchten wir schon immer die Nähe zu Bäumen. Hier, bei den „Auszeit“-Programmen im Naturpark, gehe es um Salutogenese, um primäre Gesundheitsvorsorge, erklärt Astrid Polz-Watzenig, Psychotherapeutin in Ausbildung unter Supervision, die vieles auch als Coach begleitet. Waldbaden, Pilgern, aber auch das Stift St. Lambrecht mit seinem Klostergarten sind in die Angebote eingebunden.

Der Begriff des Waldbadens passt gut zu der neuen Wertschätzung und wiedererwachten Sehnsucht nach unmittelbaren, analogen Erfahrungen outdoor. In Japan wird Waldbaden, „Shinrin yoku“, schon lange praktiziert, gemeint ist ein Aufgehen in der Atmosphäre des Waldes, das auch wissenschaftlich untersucht wird: So soll sich ein Waldbad positiv auf Cortisolspiegel, Puls­frequenz und Blutdruck auswirken. In Japan mag man in einer „fokussierten Aufmerksamkeit“ und der Naturbeobachtung vielleicht auch geschulter sein – wo der phänomenologische Kalender 72 Jahreszeiten kennt. Doch auch im heimischen Wald ist es ganz einfach, mit ihm eins zu werden. Man muss keine Bäume umarmen. Aber man kann es. Hat noch niemandem geschadet.

Tipp

Waldbaden ist Teil eines der „Auszeit“-Angebote im Naturpark Zirbitzkogel-Grebenzen. Mehrtägig mit Übernachtung im Hotel Landsitz Pichlschloss (Bild links). naturpark-auszeit.at

Die Presse - Testabo

Testen Sie jetzt „Die Presse“ und „Die Presse am Sonntag“ sowie das „Presse“-ePaper und sämtliche digitale premium‑Inhalte 3 Wochen kostenlos und unverbindlich.

Jetzt 3 Wochen testen
Meistgekauft
    Meistgelesen
      Kommentar zu Artikel:

      Waldbaden: Frischluft für gestresste Städter

      Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
      Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.