Die Ich-Pleite: Leidgenossen

Ob etwas Lärm ist oder nicht, liegt bekanntlich im Ohr des Belauschers.

Nehmen wir nur die Bewohner der Zürichsee-Küste. Da gibt es die einen, die bis zum Verfassungsgerichtshof gegangen sind, weil ihnen das viertelstündliche Läuten der Kirchturmuhr und die Signalhörner der Schiffe wie Lärm vorkommen, und die anderen, die für die traditionellen Heimatklänge auf die Barrikaden steigen. Oder schwimmen, besser gesagt. Eine Dame soll sogar mehrmals extra vor ein Schiff geschwommen sein, damit das Signalhorn ertönt. Der Streit ist übrigens zugunsten der Heimatklänge-Fraktion ausgegangen. Und ich muss sagen: Da beneide ich die Leidgenossen. Denn obwohl sie verloren haben, hat bei ihnen wenigstens eine Verhandlung stattgefunden. Während ich schon ein paar Monate gebraucht habe, bis ich hinuntergegangen bin und an die Tür meiner neuen Nachbarin, DJane und Avantgarde-Musikerin, geklopft habe.

Natürlich hätte ich auch so lang warten können, bis ich altersbedingt schon wieder stolz gewesen wäre, dass ich mich überhaupt noch von Lärm gestört fühlen kann. Oder noch länger, bis ich mich bei der DJane mit lautstarken „Sturm der Liebe“-Orgien rächen würde. Aber wozu hätte ich dann die vielen Therapiestunden absolviert!? Beim ersten Mal hat sie mich allerdings nicht gehört. Wahrscheinlich wegen der lauten Musik. Beim zweiten Mal hat sie mich immer noch nicht gehört, beim dritten, vierten, fünften und 395. Mal auch nicht. Ich lauere ihr auf und stelle sie zur Rede. „Bitte können Sie die Musik leiser drehen? Ich arbeite nämlich zu Hause!“ Sie betrachtet mich von oben herab (kann auch an ihrer stattlichen Größe gelegen sein) und antwortet cool wie die Oberfläche ihres Audiomischpults: „Ich ebenfalls.“ 

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