Die Ich-Pleite: Ein neues Trainingsgerät

Wer sich über die unmenschliche Hektik an der Supermarktkassa ärgert, hat sie falsch verstanden.

(c) Carolina Frank

Die Supermarktkassa ist nicht nur zum Bezahlen da, sie ist ein Trainingsgerät. Denn egal, was man für ein senkrecht startender Jungmanager, schneidiger Sonntagsfahrer-Überholer oder Rad fahrender Fußgängerschreck ist, die Scannerkassa ist schneller. So schnell kann man nicht einmal schauen, geschweige denn die Tasche öffnen und die Waren hineinschlichten, ist die Kassiererin schon fertig und wartet ungeduldig darauf, dass man endlich verschwindet. Wie mein Onkel Xandi immer so schön sagte: Man wird mit dem Gartenschlauch hinausgespritzt. Man könnte das Szenario auch als Station im Dschungelcamp nutzen.

Oder als Reha-Übung für herzoperierte Spitzensportler. Wenn man einen Familienwochenendeinkauf schafft, ohne einen zweiten Herzinfarkt zu erleiden, darf man wieder in den Formel-1-Boliden steigen. Auch Jobs im Management sollte es ohne den Supermarkttest gar nicht geben. Dann können die zukünftigen Spitzengschaftlhuber beweisen, ob sie stressresistent (Lebensmittel im Laserpistolentempo ins Wagerl legen), prepared für jede Challenge (Geld vorher abzählen, Bankomatkarte bereithalten) entscheidungsfreudig (zuerst zahlen, dann Einkäufe verstauen oder umgekehrt?) und frustrationstolerant sind. Denn egal, wie gut sie den Deal vorbereiten (Geld abgezählt in der Hand halten, geöffnete Einkaufstasche ins Wagerl stellen), gegen die digitale Übermacht hat ein normalsterblicher Steuerzahler keine Chance. Wer an der Supermarktkassa die Nerven behält, hat das Zeug für Höheres. Wer nicht, kann immer noch schauen, ob er das Zeug hat, Supermarktkassiererin zu werden.

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