Künstlerinnen: Die Büchse der Pandora

Die erste Auktion mit Werken ausschließlich von Künstlerinnen polarisiert die Szene.

Repräsentativ. Zeichnerin Sevda Chkoutova, Fotografin Theres Cassini und Malerin  Béatrice Dreux (v. l.).
Repräsentativ. Zeichnerin Sevda Chkoutova, Fotografin Theres Cassini und Malerin  Béatrice Dreux (v. l.).
Repräsentativ. Zeichnerin Sevda Chkoutova, Fotografin Theres Cassini und Malerin Béatrice Dreux (v. l.). – (c) Christine Pichler

Unmittelbar nachdem Katharina Prantl vor rund einem Jahr den Katalog zur dritten Auktion der „Ressler Kunst Auktionen“ durchgeblättert hatte, setzte sich die Malerin an den Computer, um ein E-Mail zu verfassen. Höchstpersönlich konfrontierte sie den Auktionator mit der Frage: „Gibt es in der Kunst nur Männer???“ Unter den rund 100 im Katalog gelisteten Namen fanden sich gerade einmal zehn Namen von Künstlerinnen. Auch wenn es absurd klingt: Die Quote war keineswegs ein Einzelfall, sondern sogar noch guter Durchschnitt.

Otto Hans Ressler nahm Prantls Schreiben zum Anlass für eine Analyse und stellt fest: „Der Normalzustand sind fünf Prozent beteiligter Künstlerinnen. Dieses Phänomen betrifft allerdings nicht nur unsere Auktionen, sondern alle Auktionen, ja praktisch alle Ausstellungen weltweit.“ Untersuchungen der amerikanischen Aktivistinnengruppe Guerrilla Girls (die sich so nennen, weil sie in der Öffentlichkeit ausschließlich mit Gorillamasken auftreten) über den Anteil von Frauen oder Farbigen in den Institutionen des Kunstbetriebs und Kunstmarkts untermauern die Zahlen.

Wie vor Jahrzehnten. Für Ressler ist dieses Missverhältnis weder verständlich noch akzeptabel: „Heute sind fast zwei Drittel aller Galeristinnen Frauen. Fünfzig Prozent aller Museen und fünfzig Prozent der Kunstuniversitäten in dieser Stadt sind in weiblicher Hand. Der Anteil der Kunststudentinnen liegt sogar über fünfzig Prozent“, sagt er. „Dennoch wurde mit Maria Lassnig erst 1980 die erste Professorin an einer Kunstschule im deutschsprachigen Raum bestellt. Und in den Rankings von ,Trend‘ und ,Gewinn‘ sind Künstlerinnen weiterhin extrem unterrepräsentiert. So vieles in unserer Gesellschaft ändert sich so schnell – nur darauf reagiert man nicht?“ Er selbst nimmt sich vom Status quo nicht aus: „Als Auktionator hat es mich nie interessiert, ob eine Arbeit von einem Mann oder einer Frau stammt. Da geht es um ganz andere Fragen. Das Geschlecht spielt keine Rolle, ob Kunst gut ist. Es gibt also keine böse Absicht. Dennoch ist das Ergebnis, dass Frauen als Produzentinnen extrem unterrepräsentiert sind. Dagegen muss man ansteuern.“

Lichtkunst.   „Remoteness“, 2008, von Biennale-Künstlerin  Brigitte Kowanz, ausgerufen um  9000 €.
Lichtkunst.   „Remoteness“, 2008, von Biennale-Künstlerin  Brigitte Kowanz, ausgerufen um  9000 €.
Lichtkunst. „Remoteness“, 2008, von Biennale-Künstlerin Brigitte Kowanz, ausgerufen um 9000 €. – photoartpro.com

Für einen persönlichen Beitrag entschied er sich prompt, eine Auktion zu veranstalten, bei der exklusiv Werke von Künstlerinnen versteigert werden – überraschenderweise sollte es die erste derartige Veranstaltung im deutschsprachigen Raum, möglicherweise sogar weltweit sein. 130 Werke von 100 Künstlerinnen akquirierte er, das Gros stammt von österreichischen Künstlerinnen, ein kleiner Teil von internationalen wie Marina Abramović, Louise Bourgeois oder Olga Cherny­sheva.

Dass Ressler mit der Veranstaltung die Büchse der Pandora öffnen würde, war wohl nicht intendiert. Vor allem unter Künstlerinnen polarisierte die Auktion. „Gut gemeint“ zählt da noch zu den harmloseren Verdikten. Vor allem die eher niedrig angesetzten Rufpreise stoßen einigen auf. Deborah Sengl etwa, die in der Auktion mit drei Werken vertreten ist, wetterte auf Facebook: „Unerträglich ist, wenn Feminismus zu kommerziellen Zwecken missbraucht wird und wir Künstlerinnen uns auch noch dafür bedanken sollen. Auf solche paternalistischen Missverständnisse kann ich wunderbar verzichten.“ Ihr Ehemann sekundiert ihr auf Twitter: „Gleichberechtigung zum Schnäppchenpreis – so etwas kann wahrscheinlich nur einem Mann einfallen.“

Geschlechtergefälle. Sevda Chkoutova indes steht der Auktion positiv gegenüber. „Das ist ein Weg, um auch Menschen zu erreichen, die nicht in Galerien gehen“, sagt die gebürtige Bulgarin, die vor zwanzig Jahren zum Studium nach Wien gekommen ist und seitdem hier lebt. Die Benachteiligung von Künstlerinnen ist für die Mutter zweier Kinder ein Faktum. „Frauen müssen auf dem Kunstmarkt wie ein Mann agieren. Sie sollten aus Sicht mancher Galeristen am besten gar keine Familie gründen, weil sie sich sonst nicht auf die künstlerische Arbeit konzentrieren könnten. Ich persönlich bin in der Position, dass ich von Ausstellungsmachern unterstützt werde, aber viele meiner Freundinnen haben dieses Glück nicht gehabt.“

„Von Gleichberechtigung ist man in der Kunstwelt meilenweit entfernt“, findet auch die Fotokünstlerin Theres Cassini. „Diese Auktion stößt einen wichtigen Diskurs über die Benachteiligung von Frauen in der Kunstwelt an und zwingt, Stellung zu beziehen.“ Sie sieht die Auktion daher als kleinen, aber wichtigen Schritt: „Es bedarf vieler solcher Schritte, um die Grundhaltung einer Gesellschaft zu verändern. Und vielleicht holen sich ja auch die Museen Ideen davon.“ „Das Gefälle zwischen Männern und Frauen ist auf dem Kunstmarkt nach wie vor gegeben“, sagt Béatrice Dreux. Das Hauptproblem sieht die Malerin darin, „dass Markt und Kapitalismus in den Kunstbetrieb Einzug gehalten haben und Erfolg mit Qualität gleichgesetzt wird. Das Problem der Auktion ist aber eine ähnliche wie bei Frauenausstellungen allgemein: Sie ist eine positive Art von Diskriminierung.

Tipp

Künstlerinnen. Bei der 5. Auktion der „Ressler Kunst Auktionen“ am 23. Jänner gelangen 130 Lots von 100 Künstlerinnen unter den Hammer (1100 Wien, Absberggasse 27).

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