Dudler-Expertin Agnes Palmisano: „Das war nicht immer lustig“

Dudler-Expertin Agnes Palmisano singt auf ihrer jüngsten CD von ihrem Herzen. Dahinter steht der Versuch, die eigenen Facetten in Einklang zu bringen.

Agnes Palmisano versucht, weniger auf die Vernunft und mehr aufs eigene Herz zu hören.
Agnes Palmisano versucht, weniger auf die Vernunft und mehr aufs eigene Herz zu hören.
Agnes Palmisano versucht, weniger auf die Vernunft und mehr aufs eigene Herz zu hören. – (c) Die Presse (Clemens Fabry)

Eine CD – wer braucht das eigentlich? Diese Frage stellt sich Agnes Palmisano durchaus selbst. Das Schöne an der Musik, findet sie, sei ja die Unmittelbarkeit; dass sie immer wieder neu geschaffen wird. „In einer idealen Welt“, sagt Palmisano, „gäbe es keine CDs.“ In einer realen sei es hingegen „gelegentlich ganz gut, etwas zu fixieren und zu sagen: So schaut's aus, da stehe ich jetzt.“

Die Momentaufnahme der Stunde ist sehr persönlich ausgefallen, heißt sogar: „In mein Heazz“. Keine Angst vor Kitschverdacht? Palmisano, die große Spezialistin für die sonderbare Kunstform des Dudelns, des Jodelns auf Wienerisch, winkt ab. Was sie meint, ist ein Prozess der letzten Jahre, „in denen ich mich sehr mit meinem Herzen und meinen Herzenswünschen auseinandergesetzt habe. Und das war gar nicht immer lustig.“

Als Kind habe sie gelernt, sehr vernunftorientiert zu agieren. In der Folge musste sie erleben, was passiert, wenn Kopf und Körper gegeneinander antreten, erzählt sie von psychosomatischen Beschwerden. Gleichzeitig versuche sie als Sängerin ja ihren Körper zum Klingen zu bringen, Blockaden zu überwinden. „Das bedeutet auch, nein zu Umständen zu sagen, zu Personen, zur Art, wie sie mit einem umgehen.“

Seinen Namen trägt das Album aber auch deshalb, weil sie es mit lauter Menschen realisiert hat, die ihr am Herzen liegen. Es versammelt einige der Ensembles, mit denen sie in den letzten Jahren intensiv zusammengearbeitet hat, und reicht von Mahler über Klezmer bis zu Volksliedern aus Lateinamerika. „Wiener Musik ist schön, aber nur Wiener Musik zu machen wär' für mich ein zu kleiner Ausschnitt der Welt.“

Heidi am Sessellift

Für fünf der 15 Stücke hat die 44-Jährige selbst die Texte geschrieben. Sie fühlt sich wohl in diesem Spannungsfeld: Auch wenn sie aus der Klassik komme, zu der sie bis heute einen starken Zug spürt, sei es ihr zu wenig, „nur Dinge zu interpretieren, die jemand vor 100 oder 200 Jahren geschrieben hat. Den Leuten nur meinen eigenen Senf unter die Nase zu reiben – das ist es aber auch nicht.“

Ihr Titelgedicht wurde dabei gleich zweimal vertont. Daniel Fuchsberger und Paul Gulda haben daraus so unterschiedliche Stücke gemacht, „dass man gar nicht glaubt, dass das der gleiche Text ist.“ Mit dabei ist auch das „Tanzerl aus der untern Lad“, der erste Dudler, den sie je gesungen hat. Dass sie bei dieser Kunstform gelandet ist, war ja ein Zufall, wo es doch die „Oper hätte sein müssen“ (von deren Größe der Emotionen sie bis heute träumt). An der Musikuni hatte sie ein Zeugnis gebraucht, sie wählte Volksmusik, weil es ihr am unkompliziertesten erschien. Im Seminar von Roland Neuwirth sang sie zwei Dudler, ohne je zuvor einen gehört zu haben. Jodeln hatte sie freilich als Kind schon fasziniert, „am Sessellift hab' ich immer versucht, Heidi möglichst laut nachzusingen.“ Nach einer Präsentation wurde sie umgehend engagiert. „Egal, wo ich diese zwei Lieder gesungen habe, alle waren begeistert.“ An der Uni war ihr das zuvor selten passiert: Da habe es nur geheißen, ihre schwer einzuordnende Stimme sei „nicht so wie...“

In der Wiener Szene wurde die teils in Moskau aufgewachsene Diplomatentochter mit offenen Armen aufgenommen. Gerhard Bronner wurde für einige Jahre zu einem Ersatzgroßvater. Dabei hatte sie, als er sie anrief, nicht einmal gewusst, wer er ist. Ein Glück: Zum Treffen ging sie gänzlich unbefangen. Er nahm sie zu Konzerten mit, ließ sie zu seinem Achtziger im Konzerthaus auf die Bühne, „ein Schlüsselerlebnis“. So sei es gekommen, dass sie, die inzwischen tatsächlich mit einem Heurigenwirt verheiratet ist, im Bockkeller statt in Opernhäusern singt – und manchmal eben auch im Studio. Nur den Dialekt, den kann sie bis heute nicht sprechen, nur singen.

Zur Person

Agnes Palmisano wuchs in Wöllersdorf und Moskau auf. Nach einer Ausbildung zur Sonderschullehrerin studierte sie an der Musikuni Gesang. Das Dudeln, eine im 19. Jahrhundert entstandene Mischform von Jodler und Koloraturgesang, lernte sie u. a. noch von Trude Mally. Palmisano ist mit dem Heurigenwirt Matthias Hengl verheiratet und hat mit ihm zwei Kinder. Jeden Dienstag treffen sich beim Hengl-Haselbrunner Interpreten des Wienerlieds. Album: „In mein Heazz“; Termine: 22. bis 24. März Workshop in der Gea Akademie, 4. April, Konzerthaus.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.01.2019)

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