Landluft: Über den Sehnsuchtsort vieler Städter

Die Ausstellung „Über Leben am Land“ im Kunst Haus Wien nimmt das Land als Sehnsuchtsort vieler Städter unter die Lupe.

Anne Golaz, „Mooty“.  ­­ Aus der Serie „Corbeau“ (photography, ­video, texts), 2004–2017.
Anne Golaz, „Mooty“.  ­­ Aus der Serie „Corbeau“ (photography, ­video, texts), 2004–2017.
Anne Golaz, „Mooty“. ­­ Aus der Serie „Corbeau“ (photography, ­video, texts), 2004–2017. – Anne Golaz/Courtesy Galerie C.

Stadtluft macht frei! Dieser Rechtsgrundsatz des Mittelalters (Leibeigene, die in der Stadt wohnten, konnten nach einem Jahr und einem Tag nicht mehr von ihren Dienstherren zurückgefordert werden) scheint sich in den letzten Jahren umgedreht zu haben. Landluft macht frei! Oder glücklicher! Das meinen viele Großstadtbewohner, die das Gedränge in der U-Bahn, den Verkehr und die Entfremdung von der Natur beklagen. Eigenes Gemüse statt Plastik aus dem Supermarkt! Sinnliches In-der-Erde-Wühlen statt Onlineshopping! Marmelade-Einkochen statt Vernissagen-Hopping! So und ähnlich klingen die Motive der Stadtflüchter. Skandal-Autorin Charlotte Roche plädiert in der „Zeit“: Verlasst die Städte! Juli Zeh widmet sich in „Unterleuten“ dem beschaulichen Landleben (das sich aber letztlich als bedrohlich darstellt), Dörte Hansen wirft in „Altes Land“ einen sehr differenzierten Blick auf ebendieses. In Deutschland hat das Magazin „Landlust“ eine Auflage von 850.000 Exemplaren, wird also von mehr Menschen gelesen als „Süddeutsche“ und „Frankfurter Allgemeine“ zusammen (Auflage ca. 600.000).

Die Sehnsucht nach einem Zurück zur Natur ist offenbar ein Thema, das jetzt auch vom Kunsthaus Wien aufgegriffen worden ist. Die Ausstellung „Über Leben am Land“ unterzieht anhand 20 exemplarischer Positionen das Leben am Land einer fotografischen und künstlerischen Analyse. „Das Thema hat sich von mehreren Seiten aufgedrängt“, sagt Verena Kaspar-Eisert, die Kuratorin der Schau. „In den Medien wird es immer wieder verhandelt, oft nach Wahlergebnissen, wo dann so ein Stadt-Land-Gefälle diagnostiziert wird.“ Auch in der Kunst kam es der gebürtigen Vorarlbergerin vermehrt unter. „In den letzten Jahren habe ich immer mehr Arbeiten gesehen, in denen das Landleben eine Rolle spielt.“

Poesie abseits vom Hochglanz. 20  Werke internationaler Künstler sind im Kunst Haus zu sehen. „Wobei der Fokus schon auf Europa, den USA und Russland liegt. Wir wollten keinen kolonialistischen Blick auf die Welt“, so Kaspar-Eisert. So hat Anne Golaz, auf einem Bauernhof in der französischen Schweiz aufgewachsen, das Land­leben 13 Jahre lang fotografisch dokumentiert. Entstanden ist die Serie „Corbeau“, benannt nach Edgar Allan Poes Gedicht „The Raven“ (französisch „Le Corbeau“). Sie enthält Fotografien, Videos, Zeichnungen, ein Buch sowie eine Textebene. Protagonist ist ein junger Mann, Golaz’ Bruder, der sich sehr gewissenhaft um den Hof kümmert, aber sein Tun auch immer wieder hinterfragt.

„Es sind sehr poetische Arbeiten, die etwas Mystisches, Atmosphärisches haben, daher die Anlehnung an Poe“, sagt Kaspar-Eisert. „Mooty“ zeigt Golaz’ Mutter im blauen Arbeitsoverall, zwischen zwei Autos, vor einem heruntergekommenen Schuppen. Das Bild hat so gar nichts von Hochglanz-Landidylle. „Der Titel ,Über Leben am Land‘ hat ja eine zweite Bedeutung, es geht auch um das Überleben. Und das hat eben viel mit Arbeit zu tun, am Bauernhof gibt es immer viel zu tun“, meint Kaspar-Eisert. Die Überschaubarkeit, die viele Städter am Landleben anspricht, thematisiert Anatoliy Babiychuk in seinen Arbeiten. Er hat ein Dorf in der Ukraine fast enzy­klopädisch fotografiert. In „Ivanna Kryzhanovska und Hanna Oleksiivna Iurchak“ sitzen Großmutter und Enkelin auf einer Bank, die Oma in traditioneller Kleidung mit typischem Kopftuch, das Kind im rosa Jogginganzug mit Inlineskates.

„Das Bild handelt auch von einer Sehnsucht“, erklärt die Kuratorin, „in dem Dorf gibt es nämlich keine asphaltierten Straßen. Dennoch trägt das Mädchen Inlineskates – vielleicht übers Internet gekauft.“ Um die Poesie des ländlichen Raums geht es Peter Braunholz in seinen Arbeiten. Er ist 30.000 Kilometer quer durch Europa gereist, durch viele Dörfer hindurch, und hat verlassene Straßenzüge fotografiert. „Topophilia“ heißt die so entstandene Serie, weil sie auch einen topografischen Ansatz verfolgt. „Menschen sind darauf nicht zu sehen, ihr Fehlen macht sie zum Thema. Was bedeutet es, wenn das Postamt zusperrt, die Bank, die Volksschule?“, fragt Kaspar-Eisert.

Land ohne Tiere. Die typische Landidylle sucht man in der Schau vergeblich. Oder vielleicht nicht ganz. Der Österreicher Lois Hechenblaikner zeigt in „Hinter den Bergen“, auf welch dramatische Art und Weise sich die Alpen in den letzten zwei Generationen verändert haben. Seine Farbfotografien stellt er den idyllischen Schwarz-Weiß-Fotografien des bereits verstorbenen Agraringenieurs Armin Kniely gegenüber. Bis zu sechzig Jahre liegen zwischen den Bildern – und Welten: Drei Bäuerinnen am Spinnrad werden mit drei Frauen beim Spinning im Fitnesscenter konfrontiert, eine Kuh auf der Alm mit einer aufgeblasenen lila Milka-Kuh im Zielbereich eines Skirennens. Eine spannende Konfrontation schafft auch der Spanier Toni Amengual mit „Androids in the Woods“. Der Künstler verbrachte eine Residency im dunklen Winter in Lappland und nahm aus der Waldeinsamkeit heraus über die Dating-Plattform Tinder diverse Kontakte auf. Der Gegensatz zwischen Abgeschiedenheit und Verbundenheit, Kälte und Wärme macht den Reiz seines Videos aus.

„Gottverlass’nes Dorf/Nur Heu und Torf/Stets der gleiche Trott/Nur hüh und hott/Im Stall die Kuh macht muh/Die Hähne kräh’n dazu/Das hält keiner aus/Ich will hier raus!“, singt Vicky Leandros in ihrem Evergreen „Theo, wir fahr’n nach Lodz“ 1974 zum Thema. Und spricht damit ein anderes Charakteristikum des Land­lebens an, das über die Jahre an Bedeutung verloren hat: die Tiere. In der Schau sind wenige zu sehen, was auch mit dem Wandel der Landwirtschaft zu tun hat. Massentierhaltung statt Weidevieh. Auf Hechenblaikners Archivbildern sieht man noch zahlreiche Kühe und Schafe, auf den zeitgenössischen Landleben-Fotografien kommen sie eher am Rande vor. Die Ungarin Eva Szombat zeigt etwa in „Legs in the stable“ Frauenbeine in knalligen Goldleggins neben schmutzigen Kuheutern im Stall. Eine absurde Szene, die die Neugierde der Städter aufs Land ins Visier nimmt. 

Auf einen Blick

„Über Leben am Land“. 23. 3.–25. 8. 2019, täglich 10–18 Uhr, Kunsthaus Wien, (Untere Weißgerberstraße 13, 1030 Wien). www.kunsthauswien.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.03.2019)

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