Mehr Mut zu schrillen Figuren

Wenn man dem Teufel die Hand küssen muss, obwohl er einen knechtet: Lulu Schmidt widmet sich auf ihrem Debütalbum spannenden Gegensätzen.

Mit bürgerlichem Namen heißt sie Carola, als Musikerin gab sie sich den Namen Lulu.
Mit bürgerlichem Namen heißt sie Carola, als Musikerin gab sie sich den Namen Lulu.
Mit bürgerlichem Namen heißt sie Carola, als Musikerin gab sie sich den Namen Lulu. – (c) Michele Pauty

„Spotify, das ist so wie der Teufel, dem man die Hand küssen muss, obwohl er einen knechtet.“ Als Lulu Schmidt die Info bekam, dass ihr Song „Fire“ auf der New Music Friday Playlist gespielt wurde, kam zuerst der Jubelschrei. Auf der anderen Seite – Geld verdient sie damit kaum. Es ist diese Zerrissenheit, die die Musikerin beschäftigt: Wie sehr bedient man als Künstlerin die Mechanismen der Industrie, wie sehr muss man nach ihren Regeln spielen?

„BiPopularity“ heißt ihr erstes Album, das am 14. Juni erscheint. Elektronische Musik, tanzbar, aber auch schräg. Nicht unbedingt kommerziell, aber im Entstehungs- und Vermarktungsprozess natürlich drin in der Logik der Musikindustrie. Wobei sie vor dem Kommerz auch keine Angst mehr hat. „Wer wünscht sich nicht, dass viele Menschen seine Musik hören?“

„Aber natürlich will man sich nicht verbiegen. Das Spiel damit finde ich eigentlich spannend.“ Das Spiel, das bedeutet für sie vor allem eines – Brüche einbauen, ironisieren. Im Video zu „Fire“ posiert sie etwa genau so, wie die Pop-Ästhetik heute Frauen gern inszeniert – nur dass sie etwa auf der offenen Brustpartie ein schwarzes Haarbüschel zeigt.

 

Spiel mit Gegensätzen

Das Spiel mit den Gegensätzen, das ist schon in ihrem Namen angelegt. Auf der einen Seite steht Lulu, der so freizügig besetzte Name. Auf der anderen ein doch recht biederer Familienname. Diese Kombination hatte ursprünglich gar keine tiefere Bedeutung, erzählt die Musikerin, die mit richtigem Namen eigentlich Carola heißt. „Lulu Schmidt, das klingt so bescheuert, das muss man nehmen.“ Das war der Grundgedanke, doch im Nachhinein passt er dann doch gut.

Aufgewachsen im Waldviertel, wo früher noch der Eiserne Vorhang stand, erlebte sie eine Umgebung, in der man eher nicht ermutigt wird, seine Verrücktheiten auszuleben. „Und ich war ein ziemlich verrücktes Kind, ich hatte einen ziemlichen Vogel.“ Mit drei, vier Jahren wollte sie unbedingt Geige lernen. „Und ich habe ein ziemliches Theater deswegen aufgeführt.“ Inszenierung, auch das gehörte schon damals dazu. Auch wenn ihre Eltern sie dabei immer unterstützt haben, ist die kleine Carola im Bewusstsein aufgewachsen, dass man sich zusammenreißen muss, weil man sonst der Familie peinlich sein könnte.

Diese Zurückhaltung hat sie mittlerweile abgelegt. Und ihre scheinbaren Verrücktheiten ausgelebt, bis es normal wurde. „Das Besondere, das nicht hineinpasst, das fühlt sich erst einmal unbequem an“, meint sie. „Aber das ist genau das, was einen ganz besonders macht.“ Aus ihrer eigenen Biografie heraus ist auch der Wunsch entstanden, dass es mehr schrille Figuren gibt, die Mut zur Übertreibung haben. „Ich sage dann: Sei stolz darauf, versuche nicht, das zu verstecken.“

Als sie sich ihren Künstlernamen gab, gab es eine Aufteilung zwischen ihren Persönlichkeiten: „Carola ist kontrolliert, Lulu ist verrückt. Carola ist reflektiert, Lulu hat Spaß, etwas auszuführen.“ Mittlerweile ist diese innere Zerrissenheit zwischen den Rollen nicht mehr so stark, sie verschränken sich. Die Begeisterung für Gegensätze aber ist geblieben. Was man auch am Album erkennen kann.

„Happy And I Hate It“ ist einer der Tracks, die vorab als Single veröffentlicht wurden. Im Mittelpunkt steht die Hassliebe zu Social Media – man werde als Künstler ausgebeutet, aber sei doch abhängig davon. „Denn wenn du dort nicht sichtbar bist, bist du tot.“ Und im Grunde verschwendet man so viel Zeit auf Instagram, Facebook und Co., hat real aber nichts davon. „Doch wenn dann Likes und Herzchen auf dich einfliegen, macht das Belohnungszentrum im Hirn bling bling.“

 

Wien als Reibungsfläche

Gegensätzlich sind auch die Orte, an denen Lulu Schmidt schon gelebt hat. Nach dem Aufwachsen auf dem Land ging sie um die Jahrtausendwende nach Berlin, studierte dort, drehte Filme, machte Musik. Mittlerweile ist sie aber wieder nach Österreich zurückgekehrt – „und ich bin wahnsinnig froh, wieder hier zu sein“. Die Reibungsfläche in Wien sei viel größer, meint sie. In Berlin könnte man nackt über die Straße rennen, und es würde keiner mit der Wimper zucken. „In Wien schauen die Leute wenigstens noch, wenn man etwas Verrücktes macht.“

Zur Person

Lulu Schmidt wuchs als Carola Schmidt in Horn im Waldviertel auf. Sie studierte an der Universität für angewandte Kunst in Wien und an der Universität der Künste in Berlin. Als Carola arbeitet sie als Filmemacherin, als Lulu trat sie unter anderem bereits beim Popfest Wien 2017 auf. Am 14. Juni erscheint ihr Debütalbum „BiPopularity“.

Web: www.carolaschmidt.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.06.2019)

Meistgekauft
    Meistgelesen
      Kommentar zu Artikel:

      Mehr Mut zu schrillen Figuren

      Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
      Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.