Die Macht der Bilder

Wie sehr kann man Fotos trauen? Bilden sie immer die Realität ab? Solchen Fragen widmen drei Absolventinnen der Graphischen ihr Diplomprojekt.

Tibelia Kurtaran, Kathrin Siebenhandl und Rosa Havel (v. li.) im Projektraum des WUK, in dem die Ausstellung stattfinden wird.
Tibelia Kurtaran, Kathrin Siebenhandl und Rosa Havel (v. li.) im Projektraum des WUK, in dem die Ausstellung stattfinden wird.
Tibelia Kurtaran, Kathrin Siebenhandl und Rosa Havel (v. li.) im Projektraum des WUK, in dem die Ausstellung stattfinden wird. – (c) Clemens Fabry

Dasselbe Motiv, dreimal fotografiert: derselbe Ausschnitt, dieselbe Kamera, gleiche Lichtverhältnisse. Nur die Schärfe ist jedes Mal anders. Dadurch auch die Wirkung des Bildes. Und seine Bedeutung. Um dieses Phänomen, also die trügerische Aussagekraft von Fotos, geht es in der Ausstellung „Wahrheitsanspruch in der Fotografie“, die am kommenden Sonntag im Projektraum des Wiener WUK vorgestellt wird.

„Obwohl es sich also vordergründig um dasselbe Bild und dieselbe Umgebung handelt, kann der Fotograf etwa durch die selektive Bestimmung der Schärfe Einfluss darauf nehmen. Der Betrachter wird dadurch schon beim Schießen des Fotos beeinflusst“, sagt Tibelia Kurtaran. Die Ausstellung ist das Diplomprojekt der 19-Jährigen und ihren beiden Schulkolleginnen, Kathrin Siebenhandl und Rosa Havel, an der Höheren Graphische Bundeslehr- und Versuchsanstalt in Wien, an der sie Mai maturiert haben.

 

„Wollten etwas Eigenes machen“

Üblicherweise, sagt Kurtaran, bestünden Diplomprojekte – das Pendant einer Fachbereichsarbeit in einer AHS – an der Graphischen daraus, einem Unternehmen ein Re-Design zu verpassen: neues Logo, neue Schrift, neues Konzept in der Präsentation nach außen. „Das kann eine Herausforderung und sehr spannend sein, nur wollten wir etwas komplett Eigenes machen. Eine Ausstellung, die wir zur Gänze selbst konzipieren und umsetzen.“ Beim Brainstorming kristallisierte sich schon bald das Thema des Projekts heraus. Die Diskussion über den Wahrheitsgehalt von Fotos als angebliches Abbild der Realität sei schließlich so alt wie die Fotografie selbst. Und immer wieder hätten sich Künstler mit dieser Problematik auseinandergesetzt, auch in Österreich.

„Aber eine Ausstellung, die interaktiv ist und sich ausschließlich mit dieser Thematik beschäftigt, gab es bisher noch nicht“, sagt sie. Zudem wollten sie eine Ausstellung entwickeln, die auch Leute anspricht, die sich mit der Fotografie nicht gut auskennen, aber dennoch etwas mit den ausgestellten Fotos anfangen können – „die zum Zweifeln angeregt werden, gewissermaßen in eine Falle tappen und ihre eigene Beobachtungsgabe in Frage stellen, selbst für Kinder sind sie geeignet“.

Das Resultat sind 31 Fotos, die aufgehängt werden, und dutzende weitere, die auf einem Bildschirm in einer Endlosschleife zu sehen sind. Alle wurden von Kurtaran und Havel gemacht, Siebenhandl war für die Grafik des Fotokatalogs zuständig, der ebenfalls ausgestellt wird. Zwar habe jede eigenständige Aufgaben gehabt, was auch die Voraussetzung für die Benotung des Projekts sei, „aber natürlich haben wir eng zusammengearbeitet und uns bei jedem Schritt beraten. Die Ausstellung ist ein Gemeinschaftsprojekt, an dem wir ein Jahr lang gesessen sind.“

Entstanden sind die Fotos zu einem Großteil im Studio an der Graphischen, aber auch an zahlreichen weiteren Orten in ganz Wien. Etwa am Stephansplatz oder in Wohnungen mit unterschiedlichen Lichtverhältnissen. Die für ein Diplomprojekt ungewöhnlich aufwendige Ausstellung wurde unter anderem von der Stadt Wien gefördert. Als Sponsoren konnten zudem private Unternehmen gewonnen werden, „die wir mit der Grundidee überzeugt haben“, so Kurtaran.

„Die meisten gehen ja mit einer bestimmten Erwartung in eine Fotoausstellung. Etwa um konkrete Motive abgebildet oder besonders ästhetische Bilder mit eindeutiger Aussage zu sehen. Genau das wollen wir nicht, unsere Fotos sollen hinterfragt werden und zu Debatten führen, es geht nicht um ihre Bewertung.“ Jedenfalls nicht in der Ausstellung. Denn bewertet wurden sie schon – von ihren Professoren. Note für alle drei: ausgezeichnet.

AUF EINEN BLICK

Fotoprojekt. „Wahrheitsanspruch in der Fotografie“ heißt die Kunstausstellung der drei Absolventinnen der Graphischen, Tibelia Kurtaran , Rosa Havel (jeweils für die Fotos zuständig) und Kathrin Siebenhandl (Grafik). Die Vernissage des Diplomprojekts findet am kommenden Sonntag, 19 Uhr im Projektraum des WUK in Wien (Währinger Straße 59) statt. Noch einmal zu sehen sind die Fotos, die „hinterfragt werden und zum Zweifeln anregen sollen“, einen Tag später zwischen 10 Uhr und 15 Uhr.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.08.2019)

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