Eine behagliche Hülle für alte Plattenbauten

Ein junges Unternehmen entwickelt ein innovatives Dämmsystem für Europas Problemhäuser.

Eine behagliche Huelle fuer
Eine behagliche Huelle fuer
Symbolbild Plattenbau – (c) FABRY Clemens

Mehr als die Hälfte der Bevölkerung Europas lebt in sanierungsbedürftigen Plattenbauten. Die aus vorgefertigten Betonplatten zusammengefügten Gebäude sind außen – und innen – „kalt“: Als Antwort auf den urbanen Wohnraummangel wurden in den 1960er-Jahren allerorts billige Großraumsiedlungen aus dem Boden gestampft. Durch Verzicht auf eine Wärmedämmung wurde am falschen Ende gespart: Etwa zehn Prozent des gesamten Energieverbrauchs der EU fließen in Heizkosten von Plattenbauten.

Eine thermische Sanierung könnte jährlich bis zu 75 Prozent der Heizenergie einsparen – das entspricht umgerechnet mehr als 40 Milliarden Euro oder 230 Megatonnen CO2-Emissionen. Zudem wird durch Dämmung der sommerliche Hitzeschutz verbessert, da die Wärme nur langsam in das Gebäude eindringen kann.

Allerdings sind herkömmliche Fassadendämmsysteme teuer oder sehr aufwändig, da der Vollwärmeschutz auf der Baustelle in Handarbeit unter schwierigen Arbeitsbedingungen direkt auf die Fassade aufgebracht wird. Die Bewohner sind über einen längeren Zeitraum einem erheblichen Lärmpegel und das Fassadendämmsystem während des gesamten Arbeitsprozesses der Witterung ausgesetzt. Zudem wird die Umwelt durch Abfall bzw. Verschnitt belastet.


Maßgeschneiderte Fertigung. Ein junges Grazer Unternehmen namens „wInterface“ entwickelt ein neues Verfahren, das Dämm-Elemente industriell und daher wirtschaftlich und ökologisch produzieren kann: „Zuerst wird die Fassade mittels 3-D-Scans vermessen. Die ermittelten Daten werden an die vollautomatische Produktionsanlage geschickt, wo die maßgefertigten Dämm-Elemente die Fabrik mit bereits integrierten Fenstern und montagebereit verlassen“, erklärt Firmengründer Wolfgang Winter.

Ein spezielles System erlaubt eine schnelle und umweltfreundliche Montage. „Durch den Vorfertigungsgrad wird die Montagezeit von einem Monat auf wenige Tage reduziert, was eine erhebliche Entlastung für die Bewohner darstellt“, sagt Fertigungsspezialist und Mitgründer Ingo Curt Riemenschneider. Das junge Unternehmen hat seinen Sitz im Science Park Graz, einem akademischen Gründerzentrum im Rahmen des AplusB-Programms, Förderungen kommen von der Forschungsförderungsgesellschaft (FFG) und dem Land Steiermark.

Die patentierten Vollwärmeschutzmodule mit einer Wandstärke von 20 bis 25 Zentimetern sind ein Materialverbund, bestehend aus vorzugsweise ökologischen Dämmstoffen und einer Putz- sowie Kleberschicht und können vollständig industriell recycelt werden. Das solle aber nicht das Ziel sein, so Winter: „Anstatt die Elemente nach 30 Jahren zu recyceln, werden sie von uns instand gehalten und repariert, um möglichst lange Energie zu sparen. Bereits nach wenigen Jahren refinanziert sich die thermische Sanierung, da damit Heizkosten eingespart werden.“

Ästhetik

Alte Plattenbauten sind nicht nur
energietechnische Katastrophen, sondern auch ästhetische. Das ist auch ein wesentlicher Grund für ihr negatives Image – neben allen sozialen Problemen und Ghettoisierung.

Gestaltung.
Mit dem Sanierungssystem von wInterface
könnte dem auch gestalterisch entgegengewirkt werden: Auf die Fassadenplatten lassen sich großformatige Fresken anbringen, durch die die einheitlich grauen Gebäude ein zeitgemäßes Gesicht erhalten könnten.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.07.2012)

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