Genetik: Ein 11.000 Jahre alter Tumor

Hunde leiden unter einer übertragbaren Form von Krebs. Durch DNA-Analyse wurde nun festgestellt, wie alt diese Zellen sind.

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Es ist eine unheimliche Vorstellung: Krebs, der übertragbar ist, von einem Individuum zum andern, wie ein Parasit. Es ist auch extrem selten. Man kennt bisher nur zwei Fälle: einen von den Tasmanischen Teufeln, extrem aggressiven Beuteltieren. Sie übertragen durch Bisse in die Mundpartie von Artgenossen eine ebenso aggressive Form von Krebs (DFTD), die wahrscheinlich die ganze Art die Existenz kosten wird.

Der zweite Fall betrifft Hunde. Der Krebs CTVT wird durch Sex übertragen, befällt die Geschlechtsteile, ist aber gutartiger als der DFTD des Tasmanischen Teufels, bildet kaum Metastasen. Er ist – wie jeder Tumor – aus Körperzellen entstanden, in diesem Fall aber nicht des akut befallenen Hundes.

Fragt sich also: Wann sind diese Krebszellen entstanden? Veterinärmediziner um Elizabeth Murchison (University of Cambridge) haben dazu die Genome der Tumore zweier befallener Hunde – und deren Genome – analysiert und verglichen, eines amerikanischen Cockerspaniels und eines Lagerhundes australischer Aborigines. Aus dem Vergleich schließen sie: CTVT stammt von einem Hund, der vor ungefähr 11.000 Jahren gelebt hat, also nach der Zähmung, die laut Meinung der meisten Forscher vor circa 18.000 Jahren stattgefunden hat. Dieser erste CTVT-kranke Hund soll am ehesten wie ein großer Spitz ausgesehen haben. In ihm ist dieser Tumor entstanden und hat es offenbar geschafft, sich selbstständig und übertragbar zu machen. Damit entgeht er dem Schicksal der „normalen“ Tumorzellen: Sie gehen mit dem Individuum, das sie töten, zugrunde.

Im Lauf der Jahrtausende hat das CTVT-Genom eine respektable Zahl von Mutationen angesammelt, dabei ist es ganz offensichtlich „lebensfähig“ geblieben – die Anführungszeichen sollen auch das Unwohlsein dabei ausdrücken, einem Tumor eigenständiges Leben zuzugestehen. „Es ist bemerkenswert, dass ein Genom, dessen DNA normalerweise nicht länger als 15 Jahre überlebt hätte, seit etlichen Jahrtausenden als parasitäre Lebensform existiert“, schreiben die Forscher in Science (343, S.437). Und noch cooler: Das Überleben von CTVT bezeuge „die Fähigkeit des Säugetier-Genoms, sich an eine neue ökologische Nische anzupassen“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.01.2014)

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