„Ein Grad Erwärmung stecken wir locker weg“

Kontroverse. Josef Reichholf kritisiert den Mainstream zum Klimawandel – und erntet dafür heftige Kritik.

(c) weltstadtwien.org

Josef Reichholf versteht sich als Hefe im Sauerteig, er vertritt immer die gegenteilige Meinung“, ärgerte sich Bernd Lötsch, Direktor des Naturhistorischen Museums. Reichholf, bayrischer Zoologe und Sachbuchautor, hatte zuvor den „Mainstream“ in Sachen Klimawandel in Frage gestellt: Es gebe zwar unbestreitbar einen Klimawandel, doch über die Ursachen und vor allem über die Auswirkungen würden die Menschen falsch informiert, führte er Ende der Vorwoche bei einem Vortrag in Wien aus.

Klimaschwankungen und Wetterkapriolen habe es in der europäischen Geschichte immer gegeben, meint Reichholf. Und diese seien viel stärker gewesen als die aktuellen: „Die Zunahme der Katastrophen kommt nur zustande, wenn man nur das 20.Jahrhundert betrachtet.“ So seien etwa die Hochwässer der letzten Jahrzehnte im Vergleich zu jenen aus dem 16. oder 18.Jahrhundert niedrig. Auch dass die Gletscher derzeit in Rekordtempo abschmelzen würden, sei falsch. „Der starke Rückgang fand im 19.Jahrhundert statt“. Und zwar durch das Ende der „Kleinen Eiszeit“, die am Ende des 14.Jahrhunderts einsetzte und bis in das 19.Jahrhundert dauerte. Zuvor lag Europa im „hochmittelalterlichen Klimaoptimum“, der den Weinbau bis an den Fuß der Alpen ermöglichte. Ebenso wie die Kolonialisierung weiter Teile Europas.

„Wärmeliebende Tiere sterben aus“

Bei diesem Thema ist Reichholf in seinem Element – es bildet auch die Basis für sein jüngstes Buch „Eine kurze Naturgeschichte des letzten Jahrtausends“ (S. Fischer). Er führt darin viele historische Ereignisse und Entwicklungen auf Klimaschwankungen zurück. Eine Folge der Abkühlung seien etwa die Hungersnöte und Seuchenzüge im Spätmittelalter gewesen – oder der Siegeszug von Bier, das den Wein ablöste. Auch für die Expansion der Türken macht Reichholf die Kleine Eiszeit verantwortlich: Diese habe im Vorderen Orient Regen und ein Erblühen der Trockenregionen gebracht. Als es schließlich im 19.Jahrhundert wieder wärmer wurde, seien große Teile des Orients wieder ausgetrocknet, die Folge sei der „kranke Mann am Bosporus“ gewesen.

Lötsch quittierte diese Ausführungen in einer leidenschaftlich geführten Diskussion mit Unverständnis. „Ich halte es für monoman, alles auf Klimaschwankungen zurückzuführen“, sagt er. Noch viel mehr ärgerte sich Lötsch freilich über Reichholfs Ausführungen über die Konsequenzen der Erwärmung. Der bayrische Forscher vertritt nämlich die Meinung, dass die bisherige Erwärmung um 0,6 Grad in den letzten 125 Jahren für die Natur kaum Folgen habe. „Ein Grad steckt unsere überdüngte Landschaft locker weg“, sagte er. Lötsch konterte, dass das Jahr 1806, in dem es laut Aufzeichnungen in ganz Mitteleuropa keine Ernte gab, nur um ein Grad kälter gewesen sei. Ungeachtet dieses Einwands bleibt Reichholf bei seiner Ansicht: „Wie die Erwärmung auf den Menschen wirkt, das ist etwas anderes als auf Eis.“ Während die Gletscher unbestreitbar schmelzen, seien für die Biologie viel mehr Faktoren als nur die Temperatur wichtig. „Temperatur ist nur ein Teil des Klimas“, so Reichholf. Frei nach Karl Valentin sagte er: „Ein Grad heißt gar nichts, ein Grad ist wie 30 Zentimeter Geld.“ Das Leben reagiere genauso auf das Ausmaß und die Verteilung der Niederschläge.

So gebe es etwa das Phänomen, dass das Klima in der Nähe des Bodens nicht wärmer, sondern im Gegenteil kälter geworden sei. Das sei auch die Erklärung für die verblüffende Tatsache, dass vor allem wärmeliebende Tiere auf der roten Liste der aussterbenden Arten stehen. „Dieser Abkühlungseffekt wird von den offiziellen Messstellen nicht erfasst.“

„Stickstoff ist ein Erstick-Stoff“

Den Hauptgrund für die Abkühlung in bodennahen Schichten macht Reichholf in der verdichteten Vegetation aus – die wiederum damit zusammenhänge, dass die Böden stark überdüngt seien. Auch das ist ein Leibthema Reichholfs, das er schon in einigen Büchern ausgeführt hat. Global sei für den Klimawandel nicht der CO2-Ausstoß in Industrieländern entscheidend, sondern unser Hunger nach Fleisch – der nur durch Futterimporte aus Südamerika gestillt werden kann. Auf der Welt gibt es rund 1,6 Milliarden Rinder, die durch den Mund große Mengen Methan ausstoßen. Methan wirkt als Treibhausgas 23 mal stärker als CO2.

Global seien Änderungen der Flächennutzung viel wichtiger als der CO2-Ausstoß, so Reichholf. „Das Schrumpfen der Wälder und der naturnahen Flächen ist unser Hautproblem.“ Hand in Hand gehe der Verlust der Biodiversität – ebenfalls als Folge der Überdüngung. Reichholf macht diese auch dafür verantwortlich, dass die Artenvielfalt in Städten höher sei als auf dem flachen Land. „Stickstoff ist ein Erstick-Stoff für die Artenvielfalt“, pflegt der Zoologe zu sagen.

Noch ein Sakrileg wider den Klima-Mainstream beging Reichholf bei seinem Vortrag: Er fragte, ob es denn so schlimm sei, dass die Winter milder würden. „Der Mensch ist von Natur aus ein Tropen-Lebewesen.“ Je weiter der Mensch vom Äquator entfernt lebe, desto höher sei sein Energieverbrauch. Der milde Winter 2006/07 habe sogar dazu geführt, dass die Deutschen weniger CO2 durch Heizen erzeugt hätten und Deutschland daher sein Klimaziel erfüllt habe.

„Es wird Gewinner und Verlierer geben, daher ist es unzulässig, den Klimawandel immer nur als etwas Schlechtes zu behandeln“, so Reichholf. Was ihm wiederum eine scharfe Rüge von Ingela Bruner, der Rektorin der Universität für Bodenkultur, einbrachte. „Ich bin unglücklich, wenn Spott über das Klima gemacht wird“, sagte sie.

WAHL DES BESTEN BUCHS

Noch bis 14. März können sich interessierte Leser an der Wahl des „besten Wissenschaftsbuches des Jahres“ beteiligen. Dieser Preis wird in vier Kategorien vergeben:

Naturwissenschaft/Technik (hier ist auch Reichholfs „Kurze Naturgeschichte des letzten Jahrtausends“ nominiert),
Medizin/Gesundheit,
Geistes-/Sozial-/Kulturwissenschaft und Junior-Wissensbücher.

www.woche-des-wissens.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.03.2008)

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