"Lust am Forschen": Spitzenphysiker Walter Thirring ist tot

Thirring studierte ohne Maturaabschluss und bewies mathematisch, dass Materie nicht in sich zusammenfällt. Er arbeitete auch mit Einstein zusammen.

Walter Thirring im Jahr 2012.
Walter Thirring im Jahr 2012.
Walter Thirring im Jahr 2012. – (c) APA (Helmut Fohringer)

Eigentlich wollte Walter Thirring nach einem Unglück bloß die Familientradition fortsetzen, doch er hat Erstaunliches erreicht: Als theoretischer Physiker hat er es in die Weltklasse geschafft, mit den wichtigsten Physikern seiner Zeit zusammengearbeitet und mit US-Physiker Elliott Lieb bewiesen, dass Materie stabil ist. In der Nacht auf Dienstag ist er im Alter von 87 Jahren in Wien verstorben.

Dabei hätte Thirring Musik zunächst viel mehr interessiert als Einsteins Relativitätstheorie oder die Quantenmechanik, Dinge die er seinem Vater und dem "begabteren Bruder" überlassen wollte. Doch der drei Jahre ältere Bruder Harald fiel im Zweiten Weltkrieg. Er ahnte seinen nahen Tod und bat die Eltern in einem Abschiedsbrief, den Walter Thirring in seiner Autobiografie "Lust am Forschen" veröffentlichte, "nicht allzu traurig" zu sein: "Ihr habt ja noch den Walter, und er vereint ja in sich ebenso große Begabung mit großem Schöpferwillen."

Studium ohne Schulabschluss

Walter Thirring bat daraufhin den Vater um ein Lehrbuch der Physik und ackerte 600 Seiten theoretische Physik in einem drei Monate langen Krankenurlaub nach einer Blinddarmoperation durch. Noch keine 16 Jahre alt, musste Thirring dem Dritten Reich als Flakhelfer dienen. Doch er benutzte seine Mathematikkenntnisse, um die Winkelkoordinaten so umzurechnen, "dass die Granate etwa 50 Meter hinter dem Flugzeug explodierte."

Die Schule konnte er wegen des Kriegs nicht abschließen. Nach dem Kriegsende, das Thirring in einem Tiroler Lazarett erlebte, überzeugte er den Dekan der Uni Innsbruck von seinen Physikkenntnissen und durfte ohne Maturazeugnis inskribieren. Das Studium hat er in der minimalen Zeit von drei Jahren abgeschlossen und mittels Sondererlass erlangte er die Doktorwürde auch ohne Hochschulreife. Verspätet bekam er 2009 von seinem Gymnasium, der Neulandschule in Wien-Grinzing, ein Maturazeugnis "honoris causa".

Zusammenarbeit mit Einstein und Schrödinger

Nach der Promotion ging Thirring ins Ausland, wo er mit den bedeutendsten Physikern seiner Zeit zusammenarbeitete: Er lernte die Feinheiten der mathematischen Physik bei Erwin Schrödinger am Dublin Institute for Advanced Studies und dem etwas weniger bekannten Bruno Touschek in Glasgow kennen. Er arbeitete bei Werner Heisenberg am Max-Planck-Institut in Göttingen und bei Wolfgang Pauli an der ETH-Zürich. Er heiratete und nahm eine Stelle an der Universität Bern an.

Walter Thirring.
Walter Thirring.
Walter Thirring. – (c) APA (Helmut Fohringer)


Es folgt eine Einladung an das Institute of Advanced Studies in Princeton (USA) wo Thirring Einstein traf, der mit der Quantenfeldtheorie allerdings nicht viel anfangen konnte, an der sich "die Jungen" begeistern. Weitere Stationen in Thirrings "Lehr-und Wanderjahren", wie er sie selbst bezeichnet, waren das Massachusetts Institute of Technology (MIT) und eine Gastprofessur an der University of Washington in Seattle.

"Lieb-Thirring-Ungleichungen"

"Eine Mischung aus Patriotismus und Widerspruchsgeist" zog Thirring 1959 nach Wien zurück. Zwar hätten ihm "viele große Leute gesagt, das soll ich nicht machen, weil der Geist, der in Österreich herrscht, ist nicht wissenschaftsfreundlich", aber er trotzte allen Widrigkeiten und finanziellen Engpässen und war sich nicht zu schade, "eine Vorlesung über die gesamte theoretische Physik" zu halten und Kleinigkeiten wie das Toilettenpapier des Instituts als "special expenses" der US-Airforce zu verrechnen.

In Wien gelang Thirring gemeinsam mit dem US-Physiker Elliott Lieb 1975 sein wohl bekanntester mathematischer Beweis: Mittels der sogenannten "Lieb-Thirring-Ungleichungen" konnten sie zeigen, dass Materie stabil ist und Elektronen und Atomkerne nicht aufgrund der anziehenden elektrischen Kräfte in sich zusammenfallen.

Musik blieb seine Leidenschaft

Thirring leitete von 1968 bis 1971 als Direktor die Abteilung für theoretische Physik am CERN (Europäische Organisation für Kernforschung). Wieder zurück in Wien, war er 1993 gemeinsam mit Peter Michor und Heide Narnhofer maßgeblich an der Gründung des Internationalen Erwin Schrödinger Instituts für Mathematische Physik (ESI) beteiligt.

In seinen letzten Lebensjahren widmete sich Thirring dem Schreiben von Büchern. In "Kosmische Impressionen - Gottes Spuren in den Naturgesetzen" sowie "Baupläne der Schöpfung" versucht er Wissenschaft und Religion auszusöhnen, indem er darlegt, dass die beiden einander nicht ausschließen und näher seien, als die Protagonisten glauben. Die Verpflichtungen, die er mit der theoretischen Physik eingegangen ist, haben ihn von seiner großen Leidenschaft nicht abgehalten: dem Musizieren. Er komponierte und spielte Orgel.

(APA)

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