Atlantis: gefunden und wieder verloren

Kanäle? Straßen? Mit "Google Ocean" sichten Laien auffällige Muster auf dem Meeresgrund. Die Firma selbst spricht von einem Artefakt. Die Linien seien nichts als Spuren von Schiffen.

Fische
Fische
(c) AP (Kamran Jebreili)

Kommentare unter dem Namen des römischen Staatsmanns Cato sind Leser der österreichischen „Kronen Zeitung“ ja gewohnt – aber eine dem griechischen Philosophen Platon zugeschriebene Glosse bietet (bisher) nur das englische Boulevardblatt „The Sun“: Am Sonntag las man dort in der Rubrik „my view“, was der „top philosopher“ über Atlantis zu sagen hat. Nämlich: „Die aufregende Entdeckung auf ,Google Ocean‘ stützt die Theorien über Atlantis, die ich in meinen Dialogen Timaios und Kritias um 350 vor Christus ausgeführt habe.“

„Google Ocean“ ist ein Teil des allgemein zugänglichen Programmpakets „Google Earth“: Man kann damit virtuell die Meeresböden abwandern. Bei einer solchen Computer-Exkursion fand ein britischer Luftfahrttechniker namens Bernie Bamford im Atlantischen Ozean, zirka 960 Kilometer westlich von Westafrika, nordwestlich von den Kanarischen Inseln, ein auffälliges Muster: ein Netz von Linien, das sich mit einiger Fantasie als System von Kanälen oder Straßen interpretieren lässt. Schnell fand sich ein Archäologe, der den Fund für „faszinierend“ erklärte: Diese Gegend komme für das von Platon beschriebene Atlantis in Frage. Tatsächlich hat Platon das – laut seiner Erzählung vor circa 11.300 Jahren – untergegangene Atlantis „jenseits der Säulen des Herakles“, also jenseits von Gibraltar im Atlantischen Ozean geortet und genau beschrieben: als Reich, das größer als Libyen (Nordafrika) und Asia (das damals bekannte Vorderasien) gewesen sei, reich an Gold und Silber. Dort sei unter anderem ein riesiger Tempel des Poseidon – des Vaters des Atlas, des ersten Herrschers in Atlantis – gestanden, und Elefanten hätten dort gegrast. Platon wusste auch von breiten, schiffbaren Kanälen, die die Insel höchst fruchtbar gemacht hätten.

Zeigt das mit „Google Ocean“ gefundene Muster solche Kanäle? Für Straßen wäre es deutlich zu groß. Leider machte die Firma Google selbst schnell allen Atlantis-Träumern einen Strich durch ihre Rechnung: Das Gitternetz existiere gar nicht, sagte ein Google-Unternehmenssprecher, es sei ein Artefakt, originellerweise durch die Messung selbst entstanden. Die Linien seien nichts als die Spuren der Schiffe, von denen aus der Meeresboden via Echoortung (Sonar) vermessen wurde.

Es bleiben ein platonischer Mythos – und schwere Bedenken an der Laienforschung mittels Computerprogrammen, die die Firma Google freilich abschwächen will: Mit ihrem Programm „Google Earth“ seien bereits ein bisher unbekannter Wald in Mozambique und die Reste einer altrömischen Villa in der Nähe von Parma gefunden worden.

Wilde Theorien von Platon bis heute: Wo War Atlantis? Und Bis Wann war es?

Im Atlantischen Ozean? Der neugriechische Schriftsteller Kampanakis zeichnete es als „Brückenkontinent“ zwischen Alter und Neuer Welt.

In der Nordsee? Der deutsche Pastor Jürgen Spamuth ortete es 1953 auf Helgoland.

Im Mittelmeer? 1470 vor Christus brach der Vulkan Thera (Santorin) aus – und besiegelte die minoische Kultur. Sie könnte ein Vorbild für Atlantis gewesen sein.

Im Schwarzen Meer? Auch eine Verbindung mit der Flutung des Schwarzmeerbeckens um 5600 vor Christus wurde bereits vermutet.

In der Straße von Gibraltar? Dort, auf einer Insel, die vor 12.000 Jahren versunken sein soll, vermuteten es französische Forscher 2001.

In Andalusien? Im Nationalpark Doñana sah es der deutsche Physiker Rainer Kühne 2004: Es sei keine Insel, sondern eine Küste gewesen. Auch er stützte sich auf Satellitenfotos.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.02.2009)

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