Manche Insektizide machen Bienen nikotinsüchtig

Die umstrittenen und in der EU weitgehend seit 2013 für zwei Jahre verbotenen Neonicotinoide schrecken Bienen nicht ab, im Gegenteil: Wenn sie die Wahl haben, bevorzugen sie Futter mit solchen Zusätzen.

(c) APA/dpa/Frank Rumpenhorst (Frank Rumpenhorst)

Seit bald 15 Jahren leiden die Bienen in Europa und Nordamerika unter irgendetwas, das ganze Völker dahinrafft. Es hat zwar einen Namen – „Colony Collapse Disorder“ –, aber die Gründe sind unklar, offenbar kommt viel zusammen, von Varroa-Milben bis zu Insektiziden. Bei diesen gerieten vor allem die Neonicotinoide unter Verdacht. Sie sind ähnlich gebaut wie Nikotin, das Gift, das von manchen Pflanzen zur Verteidigung gegen Fraßfeinde eingesetzt wird. Manche Menschen mögen es jedoch, sie rauchen oder schnupfen es, es macht sie süchtig.

Bei Bienen – Honigbienen wie wilden – ist das auch so, das ist die jüngste Wendung im bitteren Streit um den Einsatz von Neonicotinoiden etwa als Beizmittel für Saatgut. Pflanzen aus ihm haben die Wirkstoffe überall, in den Blättern, in den Blüten, auch im Nektar und in den Pollen. Bei Bienen können Neonicotinoide das Gehirn schädigen, sie verursachen vermutlich Schwierigkeiten beim Lernen und bei der Orientierung, viele Bienen finden nicht zu ihren Stöcken zurück.

Heißer Streit um Dosen und Strategien

Darauf deuteten zumindest Laborversuche, sie führten dazu, dass die EU am 1. Dezember 2013 ein weitgehendes Verbot für zwei Jahre erließ. Das aktivierte die Gegenseite, der Markt für Neonicotinoide ist bzw. war groß – ein Fünftel aller Insektizide gehören in diese Stoffgruppe –, die einschlägige Industrie kritisierte die Studien, manche Regierungen schlossen sich an, vor allem die britische: Bei den Laborexperimenten seien unrealistisch hohe Dosen verwendet worden, im Freiland sähe alles ganz anders aus. Zudem würden Bienen die Neonicotinoide in Nektar und Pollen schmecken und meiden, zumindest dann, wenn man ihnen auch andere Blütenpflanzen anbietet.
Das hat Geraldine Wright (Newcastle) nun geprüft, im Labor, aber mit Dosen, wie sie im Freiland in den Blüten vorkommen. Getestet wurden Honigbienen und soziale Wildbienen und drei Neonicotinoide: Imidacloprid (IMD), Thiametoxam (TMX), Clothianidin (CLO). Sie waren Zuckerwasser beigemischt, die Tiere hatten freie Wahl zwischen Zuckerwasser mit oder ohne Zusatz: Sie ließen sich von den Neonicotinoiden nicht abschrecken, erkannten also ihren Geschmack nicht. Sie bevorzugten die Lösungen mit IMD und TMX, offenbar der abhängig machenden Wirkung des Nikotin wegen, diese dämpfte auch den Appetit, sie holten weniger ein: „Neonicotinoide mögen wie Drogen wirken“, schließt Wright (Nature 22. 4.).

Wenig Beruhigendes zeigte auch ein großer Feldversuch von Maj Rundlöf (Lund) in Schweden: Acht Felder hatten Raps mit CLO, acht Raps ohne das Mittel. Auf jenen mit CLO litten die wilden Bienen: Soziale reproduzierten sich schlechter, solitäre gar nicht. Honigbienen zeigten keine Wirkung, es mag daran liegen, dass ihre Völker sehr groß sind (Nature 22. 4.). Das hilft den Wildbienen nicht: Ökotoxikologisch getestet werden Insektizide nur an einer Art, der Honigbiene.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.04.2015)

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