Vor 6000 Jahren im Mitteleuropa uferte die Gewalt aus wie nie

Neuerlich wurde ein Massaker eines ganzen Dorfes am Ende der Linearbandkeramik dokumentiert. In ihm ging es noch fürchterlicher zu als in schon bekannten wie dem in Schletz: Die Opfer wurden nicht nur erschlagen, ihnen wurden obendrein die Beine gebrochen.

Symbolbild.
Symbolbild.
Symbolbild. – (c) EPA (PETER ENDING)

Eines der blutigsten Massaker der Weltgeschichte wurde nicht weit weg vom heutigen Wien angerichtet, etwa 50 Kilometer im Norden, in Schletz im Weinviertel: Seine etwa 200 Bewohner hatten den Ort wohl bewehrt, mit zwei Wällen, aber das half ihnen nichts, als vor etwa 6000 Jahren Aggressoren kamen. Die schlugen fast alle Bewohner tot, Männer, Frauen, Kinder, nur die gebärfähigen Frauen nicht, die nahmen sie mit. Und dass sie wirklich fast alle totschlugen, weiß man, weil zum Bestatten keiner mehr da war, nicht einmal zum Verscharren, Tiere machten sich über die Kadaver her.

Als man die ersten Knochen 1986 ausgrub, waren viele angenagt, irgendjemand hatte sie dann doch noch unter die Erde gebracht. Was ist in Schletz geschehen, war es ein Einzelfall? Vor etwa 7600 Jahren waren Bauern aus Anatolien in Europa eingewandert und hatten nicht nur ihr „neolithisches Paket“ mitgebracht – domestizierte Nutzpflanzen und -tiere –, sondern auch eine besondere Weise, Gefäße zu verzieren, die Linearbandkeramik, nach ihr wurde diese Kultur auch benannt, sie erstreckte sich vom Schwarzen Meer bis nach Norddeutschland.

 

Schreckensnamen allerorten

Alles deutet darauf hin, dass es quer durch Europa friedlich zuging, aber dann kam eben Schletz. Und es kamen, etwa zeitgleich, zwei Funde in Deutschland, auch sie etwa 6000 Jahre alt: In Thalheim im heutigen Baden-Württemberg war wieder ein ganzer Ort mit 34 Bewohnern gewaltsam zu Tode gekommen – hier hatte jemand überlebt und die Leichen verscharrt –, in Herxheim in Hessen lagen geschätzte 500 Leichen, manche sahen nach Kannibalismus aus. Einzelfälle, in denen Nachbarn übereinander herfielen? Oder war damals, als die Menschheit gerade sesshaft geworden war, die Gewalt so grenzenlos, wie Steven Pinker (Harvard) das 2007 vorrechnete: In relativen Zahlen sei die Welt immer friedlicher geworden, und wenn der Anteil der Getöteten im 20. Jahrhundert so groß gewesen wäre wie in der Steinzeit, wären nicht hundert Millionen in den Kriegen zu Tode gekommen, sondern zwei Milliarden.

Pinker wusste, dass er mit diesem Urteil „den Eindruck erweckt, es sei irgendwo zwischen Halluzination und Obszönität angesiedelt“. Aber die frühe Gewalt ist keine Halluzination, die nächste Schädelstätte heißt Schöneck-Kilianstädten, wieder in Hessen, 2006 kam bei Straßenbauarbeiten ein 7,5 Meter langes Massengrab ans Licht, die Knochen waren in einem schlechten Zustand, der wurde obendrein schlecht dokumentiert.

Aber eine osteologische Analyse, an der der Zahnspezialist Kurt Alt (Danube Private University, Krems-Stein) beteiligt war, hat 26 Opfer identifizieren können, 13 Erwachsene, 13 Kinder, zehn unter sechs Jahren, junge Frauen wurden offenbar, wie in Schletz, verschleppt. Aber denen, die getötet worden waren, erging es fürchterlich: Bei zweien fanden sich Pfeilspitzen, die anderen wurden im direkten Kampf erschlagen – fast alle Schädeldecken sind zertrümmert von Axthämmern, landwirtschaftlichen Geräten, die auch als Waffen benutzt wurden –, aber sie wurden nicht nur erschlagen, ihnen wurden auch die Beine gebrochen. „Es ist unmöglich zu sagen, ob lebende Opfer gefoltert oder Leichen misshandelt wurden, oder ob beides geschah“, erklären die Forscher: „In jedem Fall wurde in prahlerischer Weise Hass und Verachtung gezeigt.“ (Pnas, 17. 8.)

 

Klimawandel? Völkerwanderung?

Woher das alles? Man weiß es nicht, man weiß nur, dass das alles am Ende der Linearbandkeramik geschah. Manche vermuten einen Klimawandel mit Missernten dahinter, andere eine Völkerwanderung vom Schwarzen Meer, an dem damals durch einströmendes Wasser vom Mittelmeer große Agrarflächen verloren gingen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.08.2015)

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