Amateurfilme geben der Forschung Tiefenschärfe

Privatfilme sind bewegende Quellen. Sie erzählen subjektive Geschichte(n) der Gegenwart, die mehr als Geburtstage und Hochzeiten abbilden. Daher waren sie diese Woche auch Thema beim Zeitgeschichtetag in Graz.

Alte Rollfilmkamera - old roll film camera
Alte Rollfilmkamera - old roll film camera
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„Es ist nicht der böse Geist, sondern die böse Geistlosigkeit der österreichischen Kulturpolitik“, so beschreibt Robert Musil das kulturelle Leben von 1933/34 bis 1938. Historiker ordnen den damals autoritär geführten Staat, je nach ihrer weltanschaulichen Couleur, als faschistisch oder ständestaatlich ein. Die Kultur gilt jedenfalls als reaktionär und vormodern.

„Ich bearbeite einen Film dieser Zeit, der vor Technikfaszination sprüht, modern ist und ein fortschrittliches Gefühl hinterlässt“, sagt Historikerin Michaela Scharf, die am Ludwig-Boltzmann-Institut für Geschichte und Gesellschaft (LBIGG) in Wien arbeitet. Das Beispiel zeigt, dass die gängige Kulturpolitik nicht unbedingt etwas mit der Alltagskultur zu tun hat. „Wenn man das Wagnis eingeht, sich damit zu beschäftigen, werden die Möglichkeitsbedingungen der Kulturgeschichte erweitert“, sagt Carina Lesky, auf Theater, Film und Medien spezialisierte Anglistin und Amerikanistin des LBIGG. Beide Forscherinnen beschäftigen sich schon länger mit Amateurfilmen, denen im vom 9. bis 11. Juni stattfindenden Österreichischen Zeitgeschichtetag in Graz eine Vortragsreihe gewidmet wurde.

Die Historikerinnen unterstreichen, dass Privatfilme ambitioniert seien und nicht auf Themen wie Geburtstage, Urlaube, Hochzeiten, das Heranwachsen von Kindern und Weihnachten reduziert werden können. Sie bieten eine breite Palette künstlerischen Schaffens, die schon in der Zwischenkriegszeit mit anspruchsvollen Gestaltungsmöglichkeiten wie Titeln, Zwischentiteln, Texteinblendungen und Filmschnitten arbeiten.

 

Der Zauber des Films

Lesky stellte gar einen „Zauberamateur“ vor. Der Wiener Fritz Kuplent, Amateurfilmer und Amateurzauberer, schuf mit seiner privaten 9,5-mm-Kamera eine „avantgardistisch anmutende Großstadtsymphonie“, indem er unter anderem 1921 den Wiener Prater filmte und dabei alle ihm bekannten Techniken benutze: Er ließ den Film rückwärts laufen, stellte ihn auf den Kopf, oder teilte den Bildschirm. Seine Tricks publizierte er in seinem Werk „Das Zauberbuch des Kino-Amateurs“ (1936).

Scharf trug ihre Forschungsarbeit vor, in der sie sich mit der Selbstdarstellung, der Subjektivierung, der Amateurfilmer beschäftigt. Sie sichtet gemeinsam mit zwei Kolleginnen Hunderte Amateurfilme, die zwischen den 1920er- und 1980er-Jahren entstanden und die im Österreichischen Filmmuseum, dem Verein für Geschichte der Arbeiterbewegung sowie in Privatarchiven lagern. Filme „mit einem gewissen ästhetischen Anspruch“ bettet sie dann mithilfe weiterer Quellen in die Forschungslandschaft ein: „Wenn ein Film eine Fahrt über die Reichsautobahn 1938 zeigt, muss ich mich als Forscherin fragen, wie die Autobahn sonst propagiert wurde und welche Bilder es dazu noch gibt“, sagt Scharf.

Der Amateurfilm bietet jedenfalls weitere Forschungsmöglichkeiten. Kodak verkaufte allein in Österreich in guten Jahren bis zu 100.000 Stunden Super-8-Filmmaterial, was für solche Jahre eine reine Projektionszeit von über elf Jahren bedeutet. Nicht alle können gefunden und erforscht werden. Die Filme stellen aber Dokumente dar, die eine Geschichtsschreibung von unten befördern: „Die Amateurfilme beinhalten das Potenzial, lineare, kausale, große historische Erzählungen herauszufordern und damit eine konstruktive Unruhe in der Zeitgeschichte zu erzeugen“, sagt Scharf. Die Forschung gewinnt dadurch an Tiefenschärfe. (por)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.06.2016)

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