„Dass alles geglückt ist, hat schon auch viele Nerven gekostet“

INTERVIEW: INSTITUT FUER WELTRAUMFORSCHUNG GRAZ / RIEDLER - BAUER
Bild: (c) APA (MARKUS LEODOLTER) 

Der wissenschaftliche Leiter von Austromir, Willibald Riedler, lässt die Mission für die „Presse“ Revue passieren und erläutert, warum sie unvollständig blieb.

 (Die Presse)

Die Presse: Wie kam es zur Einladung der Russen an Österreich, einen Mann oder eine Frau ins All zu entsenden?

Willibald Riedler: Wir haben schon länger gemeinsame Messungen mit den Russen durchgeführt. Die Zusammenarbeit hat sehr gut funktioniert. Im Oktober 1969 startete die erste Forschungsrakete mit einem österreichischen Messgerät.

Waren Sie von Anfang an involviert in die Astronautenauswahl?

Ja. Ursprünglich waren es 198 Kandidaten. Bei den Tests wurde sehr viel verlangt. Am Ende hat sich die Auswahl auf zwei Kandidaten reduziert: Franz Viehböck und Clemens Lothaller. Beide haben dann die ganze Schulung im Sternenstädtchen in der Nähe von Moskau mitgemacht.

Am Ende des Tages war Viehböck eine Spur fitter?

Nicht dass der Clemens Lothaller schlechter gewesen wäre, aber Franz Viehböck war fitter für die Belastung eines Siebentageflugs. Das haben Psychologen herausgefunden. Die allerletzte Entscheidung fand in einem Eissalon auf der Freyung statt. Da saßen wir zu dritt: Ministerialrat Zellhofer und ich und haben dem Wissenschaftsminister den Vorschlag unterbreitet, dass Viehböck fliegen soll.

Die Kandidaten wurden nicht nur auf Herz und Nieren geprüft, sondern mussten auch die Experimente durchführen können . . .

Was sie tun sollten, war natürlich genau vorgegeben. Das haben sie ja nicht erfunden. Die Geräte wurden in Österreich entwickelt und gebaut. Und Viehböck hat das alles bewundernswert gut durchgeführt.

Wo haben Sie den Start verfolgt?

Vor Ort: im Flugleitzentrum der sowjetischen Weltraumforschung in Kasachstan. Ich wollte das hautnah miterleben. Die Startrampe war noch die gleiche wie zur Zeit Yuri Gagarins.

Welche waren für Sie die faszinierendsten Momente der Mission?

Da gibt es einige. Das Wichtigste war natürlich die Endauswahl der Astronauten am Boden. Dass Viehböck die vielseitigen Messungen bewältigte, war ein wichtiger Schritt für Österreich. Beim Start war Bundeskanzler Franz Vranitzky mit einer österreichischen Delegation dabei. Wir haben uns das aus der Ferne angeschaut – man darf ja nur circa einen Kilometer nahekommen. Und dann natürlich der Flug: Dass alles geglückt ist, was wir uns vorgenommen haben: von den Messgeräten her und vom Ablauf. Dass alles funktioniert hat, hat schon auch viele Nerven gekostet.

Beim Einschweben in die Raumstation erklang der Donauwalzer.

Ja, dabei stand die österreichische Musik im Vordergrund. Mein Onkel Willi Boskovsky war 31 Jahre lang Dirigent des Neujahrskonzerts. Ich habe organisiert, dass eine Aufnahme der Wiener Philharmoniker gespielt wurde.

Und dann am achten Tag die Landung . . .

Die haben wir vom Flugleitzentrum aus verfolgt. Wir haben auf den Computern gesehen, dass er schon zum Landeanflug ansetzen sollte – aber es nicht tat. Ich habe kurz gedacht: Um Gottes Willen, der Arme ist jetzt verbrannt. Doch es gab Toleranzzeiten. Schließlich landeten die drei Männer gut in der Wüste von Kasachstan und wurden mit russischen Hubschraubern abgeholt und in das Flugleitzentrum gebracht. Es hat mich erstaunt, dass es zwar eine Flasche Champagner gab, aber keine Reden.

Welche waren die ersten Worte, die Sie mit Viehböck wechselten?

Ich habe gesagt: „Servus Franz, wie geht es dir?“ Ganz trivial. Aber auch sehr emotional.

Warum gab es keine Wiederholung der bemannten Raumfahrt für Österreich?

Die Antwort ist sehr einfach: Weltraummissionen sind teuer. Und das Ministerium hat kein Geld mehr hergegeben. Wir hätten gern ein zweites Austromir gehabt. Das erste ist eigentlich unvollständig geblieben: Für sinnvolle Ergebnisse muss man öfter messen – genau wie in Labors.

Ihr Engagement brachte Ihnen den Titel „Weltraumpapst“ ein.

Das habe nicht ich erfunden, das waren Grazer Zeitungen. Ich habe nicht protestiert. Mit dem Ergebnis, dass ich dann überall der Weltraumpapst war. Ich bin einmal in Graz ins Flugzeug gestiegen, da kam ein Ehepaar auf mich zu, der Mann fragte: „Sind Sie es wirklich?“ Ich zurück: „Wer denn?“ „Na, sind Sie der Weltraumpapst?“ Und dann hat er noch weiter gefragt: „Wie wird man denn Weltraumpapst?“

Und was haben Sie gesagt?

Durch viel Arbeit, habe ich gesagt.

ZUR PERSON

Willibald Riedler (84) studierte Nachrichten- und Hochfrequenztechnik, Geophysik und Meteorologie. 1962 übersiedelte er ins schwedische Kiruna, dort erlebte er seine ersten Raketenstarts. 1968 wurde er an die TU Graz berufen, von 1975 bis 1977 war er ihr Rektor. Von 1984 bis 2001 war er Direktor des Instituts für Weltraumforschung der Akademie der Wissenschaften, von 1978 bis 2002 auch Leiter des Instituts für Angewandte Systemtechnik der Forschungsgesellschaft Joanneum.Die wissenschaftliche Leitung von Austromir war ein Höhepunkt seiner Karriere.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.10.2016)

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