Anthropologie: Fing der Mensch auf dem Balkan an?

Wann und wo sich unsere Ahnen von denen der Schimpansen trennten, ist wenig klar. Bisher setzte man auf Ostafrika. Aber neue Auswertungen eines alten Fundes bringen nun auch Südosteuropa ins Spiel.

Der Schädel eines Homo Naledi Hominin - gefunden in Afrika.
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Der Schädel eines Homo Naledi Hominin - gefunden in Afrika.
Der Schädel eines Homo Naledi Hominin - gefunden in Afrika. – APA/AFP/GULSHAN KHAN

Es sei „die wichtigste Entdeckung, die auf diesem Feld bisher in England gemacht wurde“, jubelte Nature, als 1912 in Piltdown, Sussex, ein vorgeblich 600.000 Jahre alter Schädel gefunden wurde, halb Mensch, halb Affe, man sah in ihm das lang gesuchte Missing Link der Evolution. Halb Mensch, halb Affe war er auch, aber zusammengeleimt, eine plumpe Fälschung, deren Urheber und Motive bis heute nicht bekannt sind.

Aber nicht nur bei Nature war die Freude groß: Man hatte schon Übergangsstufen vom Affen zum Menschen gefunden, aber fernab – den Java-Menschen, den Menschen von Peking –, doch einen Nationalstolz hatten die Landsleute von Darwin auch: Der erste Mensch konnte nur ein Engländer gewesen sein, oder zumindest ein Europäer!

Diese Sicht hielt sich bis in die 1930er-Jahre, dann bereiteten Funde aus Afrika dem Eurozentrismus ein Ende: Die Wiege war dort, vermutlich in Ostafrika, da spalteten unsere Ahnen sich von denen der Schimpansen ab – vor sieben bis zehn Millionen Jahren, genauer weiß man es nicht –, es ging als „East Side Story“ in die Bücher ein.

 

Graecopithecus freybergi

Oder war es doch anders? Irgendwann war Afrika so etabliert, dass die Ausgräber ihre Energien auf diesen Kontinent konzentrierten, in Europa wurde schon lang nichts mehr aus der Erde geholt, selbst Herr Google muss passen, wenn man den Namen „von Freyberg“ eingibt: Wer immer der war, er fand 1944 in Griechenland den Unterkiefer eines Vorläufers des Menschen, der wurde nach ihm benannt – Graecopithecus freybergi –, später kam ein Zahn aus Bulgarien dazu.

Beide staubten lang vor sich hin, aber nun hat eine Gruppe um Madeleine Böhme (Tübingen) die Zähne erstmals in Computertomografen gelegt und ihr Augenmerk auf zwei Details gerichtet, zunächst auf die Wurzeln der vorderen Backenzähne: „Menschenaffen haben typischerweise zwei oder drei, aber bei Graecopithecus sind sie teilweise miteinander verschmolzen, so wie bei uns und frühen Menschen“, berichtet Böhme. In diese Richtung deutet noch ein Detail: der Zahnschmelz (PLoS One, 22. 5.).

Und die Zähne sind alt, um die 7,1 Millionen Jahre, das ist älter als alles, was sich bisher in Afrika gefunden hat, dort hält Homo tschadiensis mit 6,7 Mio. den Rekord. Aber wo er lebte, wurde es unwirtlich, die Sahara rückte vor. Das zeigt sich auch an den von Böhme analysierten Fundstätten von Graecopithecus: Vor sieben Millionen Jahren kam Saharastaub in rauen Mengen, zugleich wurde die Region kälter und Wälder wichen Savannen. Das ist ein altes Szenario für die Entstehung des Menschen, in Afrika. Oder doch in Europa? Böhme liebäugelt mit einer „North Side Story“, konzediert aber, dass „das Sample der Zähne zu klein ist für definitive Schlussfolgerungen“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.05.2017)

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