Nie mehr Ebbe in der Bikebox

Wie lassen sich Gratisräder in Metropolen ohne Versorgungslücken teilen? Eine Software von Forschern des Austrian Institute of Technology und der TU Wien greift den Planern von Bikesharing-Systemen unter die Arme.

Leihräder in Wien
Leihräder in Wien
Leihräder in Wien – (c) Clemens Fabry

Hunderte Kilometer hat Markus Straub auf Leihrädern schon abgespult. Sogar im tiefsten Winter kann er es nicht lassen – er muss aufsitzen. „Ich bin recht fahrradaffin“, sagt der am Austrian Institute of Technology (AIT) tätige Informatiker. Ein Leihrad in einer Fahrradstation entlehnen, ein paar Tritte in die Pedale, Rad an einer anderen Bikebox abstellen, das sei in einer Großstadt wie Wien durchaus praktikabel, um kurze Wegstrecken zurückzulegen.

Dass kurzzeitig einmal kein Fahrrad verfügbar ist, kommt vor. Hebel, Bikesharing-Systeme mit Blick auf die Auslastung weiter zu optimieren, gibt es aber. Das zeigt das vom Technologieministerium geförderte Projekt PlanBiSS: Eine mit der TU Wien entwickelte Software erlaubt es Planern, die Verleihstationen für Fahrräder optimal zu setzen. Dabei sollen möglichst viele Fahrten herausschauen. „Und die Kosten für Infrastruktur und Betrieb nicht aus dem Ruder laufen“, sagt Straub.

 

Software zieht richtige Schlüsse

Bisher wagten sich nur erfahrene Planer vor, wenn es ans Entwerfen von Bikesharing-Systemen ging. Das ließen jedenfalls Experten in einer Befragung der FH Oberösterreich recht deutlich durchklingen. Die Aufgabe klingt trivialer, als sie nämlich ist: Bisher werden Daten zur Demografie, dem Stationsnetz von Öffis oder zentralen Plätzen wie etwa Schulen in ein Geoinformationssystem eingespielt. Im hinterlegten Kartenmaterial optimieren Planer dann mit unzähligen Eingaben jeden einzelnen Stationsstandort.

Die AIT-Software dagegen zieht aus den eingespielten Daten ganz von allein die richtigen Schlüsse. „Sie ermitttelt, welches Aufkommen an einer beliebigen Station im Tages- oder Monatsverlauf zu erwarten ist“, erklärt Straub. Der Kern ist ein statistisches Modell, das Vorschläge für die Stationsanordnung liefert. Den Algorithmus, der die Empfehlungen gewichtet, steuerten Informatiker der TU Wien bei. Die Bedienung ist simpel gehalten. Tests im letzten Juli, an denen Planer von Rosinak & Partner mitwirkten, bestand die Software ohne größere Probleme.

Öffinahe Fahrrad-Stationen dürften jedenfalls ein Renner bleiben. Es gibt aber auch Kritik an der Fahrradflut. Der Leihrad-Mitbewerb aus Asien ist daran nicht ganz unbeteiligt. Im Herbst stockte der chinesische Anbieter Ofo in Wien seine Flotte um 500 Dreigangräder auf. Fixe Entlehnplätze nutzen diese – anders als die Räder des Platzhirschs Citybike Wien – allerdings nicht.

Fazit am AIT nach 27-monatiger Laufzeit des Projekts: Eine Millionenstadt wie Wien sei „prädestiniert“ für die Nutzung eines technischen Hilfsmittels, also der Optimierungssoftware. Die Begründung: „Bei der Größe der Stadt verliert der Planer schnell die Übersicht, wo die erste Million Euro am besten investiert ist“, sagt Straub. Er weiß: Ein Planer muss immer auch Kaufmann sein.

IN ZAHLEN

1500 Gratisleihräder stellt Citybike Wien in der Hauptstadt bereit. Betreiber ist der Werber Gewista. 2017 knackte man zum dritten Mal in Serie die Millionenmarke bei Fahrten.

8.000.000
Räder umfasst der weltweite Fuhrpark des 2014 in Peking gegründeten Bikesharing-Anbieters Ofo. Er setzt seit 2017 auch in Wien auf das Free-floating-Prinzip: keine fixen Stationen, Buchung per Handy.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.02.2018)

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