Die innere Dynamik südasiatischer Philosophie

Das Besondere an den indischen Schulen des Mittelalters ist, dass ihre Vertreter Argumente in der Auseinandersetzung mit den Gegnern entwickelt haben. Ein Forschungsprojekt ging den Konfliktlinien nach.

(c) APA/AFP/JOHANNES EISELE (JOHANNES EISELE)

Gibt es eine universelle Gottheit, oder handelt es sich beim Glauben daran nur um eine mentale Konstruktion? Über diese Frage stritten die Religionsgelehrten im Indien des Mittelalters. Um ihren Streit auszutragen, trafen sie sich. „Die Vertreter der verschiedenen Richtungen legten ihre Meinung dar, widerlegten sich gegenseitig und einigten sich gegebenenfalls auf einen Sieger“, erzählt Marion Rastelli, Indologin an der Akademie der Wissenschaften.

Rastelli begleitete ein Forschungsprojekt, in dem untersucht wurde, welchen Einflüssen die sivaitische Schule der „Pratyabhijna“ im Kaschmir des zehnten und elften Jahrhunderts unterlag und wie sie sich in der Auseinandersetzung mit der buddhistischen Lehre verhielt. Der Buddhismus verneint nämlich die Existenz alles Bleibenden wie des Selbst oder eines Gottes. Er akzeptiert nur die Existenz augenblicklicher Ereignisse. In der Argumentation bedient sich die buddhistische Philosophie der erkenntnistheoretischen Lehre der „Sonderung“ („apoha“). Sie wurde ursprünglich entwickelt, um die nominalistische Vorstellung zu verteidigen, dass sich Begriffe nicht auf reale Universalien, sondern nur auf mentale Konstrukte beziehen. „Die Sonderung ist eine der einflussreichsten philosophischen Lehren, die jemals in Indien entwickelt wurden“, so Rastelli.

 

Siva als Schöpfer der Welt

Die sivaitische Lehre vertritt dagegen die Existenz eines „realen Selbst“, welches als Gott Siva verstanden wird. „Siva wird als allumfassendes Bewusstsein begriffen, das sowohl universales Selbst als auch Schöpfer der Welt ist“, so Rastelli. Um in der Auseinandersetzung der Schulen bestehen und die Existenz von Siva beweisen zu können, eigneten sich die sivaitischen Philosophen Utpaladeva und Abhinavagupta im zehnten und elften Jahrhundert die Lehre der Sonderung an, die vermutlich aus dem sechsten Jahrhundert stammt, und deuteten sie so um, dass sie mit ihren eigenen metaphysischen Grundsätzen vereinbar war. Sie waren Vertreter der Pratyabhijna-Schule, die auch als die Schule des Wiedererkennens bezeichnet wird. Dass sie sich auf einen wichtigen Sprachphilosophen des fünften Jahrhunderts namens Bhartrhari gestützt haben, weisen die Untersuchungen von Marco Ferrante nach.

Er führte das vom Wissenschaftsfonds FWF geförderte Projekt zu Ende, nachdem die erste Besetzung, Isabelle Ratié, 2014 einen Ruf an die Sorbonne Nouvelle, Paris 3, bekommen hatte. Ferrante ist inzwischen Berggruen Research Fellow in Vergleichender Philosophie in Oxford und gegenwärtig dabei, seine Ergebnisse aus dem FWF im Detail zu veröffentlichen. Seine Erkenntnisse werfen ein neues Licht auf die Pratyabhijna-Tradition, die innere Dynamik der südasiatischen Philosophie und das Zusammenwirken von buddhistischen und brahmanischen Traditionen. Eine besondere Rolle in der Philosophie der Pratyabhijna-Schule spielen dabei folgende vier Punkte: erstens die Bejahung der Frage, dass eine Wahrnehmung gleichzeitig ein Objekt und sich selbst erfasst. Daraus folgt für die Pratyabhijna, dass es ein erkennendes Subjekt gibt. Zweitens den Zusammenhang von Sprache, Erkenntnis und Bewusstsein, aus dem gefolgert wird, dass Bewusstsein sprachlich ist. Drittens die Natur der Beziehungen als Realität und nicht nur als gedankliches Konstrukt wie im Buddhismus. Viertens hat Ferrante die Auseinandersetzung zur Frage untersucht, inwieweit es einen freien Willen in der Wahrnehmung der Realität und ihrer Strukturen gibt. Er kommt zu dem Schluss, dass dieser der ultimative Antrieb für diese ist.

LEXIKON

Sonderung bedeutet die Abgrenzung oder Isolation nach dem Ausschlussprinzip. Damit wird die Vorstellung verteidigt, dass Begriffe nicht reale Elemente, sondern nur mentale Konstrukte beschreiben.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.03.2018)

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