Die Muscheldünen bei Nexing werden bewahrt

„Hendlfutterberg“ wird eines der bedeutendsten Geotope Österreichs seit fast hundert Jahren genannt. Die paläontologische Rarität wurde wissenschaftlich erforscht und kann jetzt besichtigt werden.

Die Muscheln sind ein Informationsträger.
Die Muscheln sind ein Informationsträger.
Muscheln sind ein Informationsträger. – (c) imago/blickwinkel (imago stock&people)

„Es ist faszinierend für Geologen, dass man aus Gestein ganze Lebenswelten rekonstruieren kann. Die Muscheln sind ein Informationsträger. Man kann ableiten, welche Umweltbedingungen es damals in Mistelbach gab,“ erklärt Paläontologe Mathias Harzhauser vom Naturhistorischen Museum (NHM) in Wien. Zusammen mit der Wirbeltierpaläontologin Doris Nagel von der Universität Wien hat er diese Lebenswelten zu rekonstruieren versucht.

Wien und Graz lagen vor 14 bis zwölf Millionen Jahren am Westufer der Paratethys, dem nördlich der Alpen liegenden Teil des Tethys-Meeres. Damals herrschte subtropisches Klima. Es war sehr warm und trocken. Niederschläge gab es selten. Im serengetiartigen Hinterland des Meeres lebten Tiere, die den heutigen Elefanten, Nashörnern, großen Schweinen und Gazellen ähnelten, im Meer Delfine, Robben, Fische, Schnecken und eine Unzahl von Muscheln. „Der Lebensraum entspricht dem des heutigen Persischen Golfes,“ erklärt Harzhauser. „Im heutigen Dubai sind solche Schnecken zu finden, das Ökosystem ist vergleichbar.“ Die Schalen der Muscheln und Schnecken sind im niederösterreichischen Nexing als Sediment bis heute zu sehen.

 

Hinweise auf Haifische fehlen

Das Gestein besteht dort zu 80 bis 90 Prozent aus Muschelscherben, die calciumhaltig sind und deshalb seit Jahrzehnten als Vogelfutter abgebaut und verkauft werden. Der Ort wird daher auch „Hendlfutterberg“ genannt. Damit ein mehrere Meter hoher Anschnitt der Muscheldünen erhalten bleibt und so die Entwicklung der Landschaft visuell und wissenschaftlich dauerhaft nachzuvollziehen ist, hat sich der Eigentümer bereit erklärt, einen Teil des Grundstücks unversehrt zu lassen und zur Besichtigung freizugeben. Drei Schautafeln erklären, wie das riesige Muschelfeld entstanden ist. Vor zwölf Millionen Jahren wurde ein großer Teil des Meeres abgespalten und isoliert. „So etwas führt fast immer zu Aussterbeevents“, berichtet Harzhauser. „Die Wesen, die überleben und sich anpassen, können in unglaublichen Populationsdichten auftreten. Das ist die Basis dafür, dass wenige Muschelsorten gewaltige Berge aufbauen können wie in Nexing.“

Auffallend war für den Wissenschaftler, dass keinerlei Hinweise auf Haifische gefunden wurden. „In dem Meer muss es vorher eine große ökologische Krise gegeben haben“, vermutet Harzhauser. „Es gab keine Haie und keine Korallen, deshalb übernahmen Delfine die Rolle der Topräuber.“ Klimaschwankungen und Tektonik veränderten die Lebensbedingungen innerhalb des Meeres dramatisch. Immer wieder wurden große Teile der marinen Tierwelt fast völlig ausgelöscht.

Das Meer, das das Wiener Becken bedeckte, war nur 100 bis 200 Meter tief. „In 10 bis 20 Meter Tiefe lagerten sich als eine submarine Düne Muscheln ab. Im kleinen Mistelbacher Becken herrschte eine starke Strömung, die die Muschelbänke vor sich hertrieb,“ so Harzhauser. „Das ist in dieser Form fossil weltweit einzigartig.“ Auch in der Gegenwart sind Strömungssysteme selten, durch die solche Dünen entstehen. Die Torres Strait zwischen Australien und Papua-Neuguinea ist ein Beispiel dafür. Im Zuge der Gebirgsbildung zog sich das Meer zurück und die Landschaft wurde frei, bis eine Million Jahre später ein riesiger See im Pannonischen Becken entstand.

LEXIKON

Paratethys. Vor 35 Millionen Jahren begannen sich durch das Herandriften von Afrika und Indien Gebirge wie Alpen, Karpaten und Himalaya herauszuheben. Der ehemals riesige Tethys-Ozean zerfiel in Indischen Ozean, Mittelmeer und – nördlich der Alpen – die Paratethys. Das Meer zog sich vor elf Millionen Jahren hinter die Karpaten zurück. Beim Spaziergang durch Wien trifft man noch heute auf seine Reste: in Form des Gesteins der Gründerzeitfassaden.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.03.2018)

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