Reste des Phantom-Urzeittiers lagerten in Wien

Das Naturhistorische Museum erhielt in den 1870er-Jahren eine Sammlung, die lang unbeachtet blieb. Nun gelang es, damit die Koexistenz von Dinosauriern und Dicynodonten, frühen Vorfahren der Säugetiere, zu belegen.

Symbolbild.
Symbolbild.
Symbolbild. – (c) imago/McPHOTO (imago stock&people)

In den 1950er-Jahren wurden in Afrika direkt neben Dinosaurierspuren Abdrücke entdeckt, die jenen von Dicynodonten ähnelten. Da diese Reptilien ihre Blüte lang vor den Dinos hatten, gab es Zweifel, dass sie parallel lebten. Ein US-Paläontologe hat nun mit einer historischen Sammlung des Naturhistorischen Museums Wien das Rätsel gelöst – und dabei gleich eine neue Dicynodonten-Art beschrieben.

Dicynodonten zählen zu den frühen Vorfahren der Säugetiere und hatten ihre große Zeit vor 260 Millionen Jahren. Die meisten davon waren nach dem größten Massenaussterben der Erdgeschichte an der Wende vom Perm zur Trias vor 252 Millionen Jahren verschwunden. Als dann in den 1950er-Jahren im südlichen Afrika dicynodontenähnliche Fußabdrücke neben Dinosaurierspuren entdeckt wurden, „waren diese so fehl am Platz, dass ihnen als Beweis für das Überleben von Dicynodonten keine Beachtung geschenkt wurde“, sagt der Paläontologe Christian Kammerer vom North Carolina Museum of Natural Sciences in Raleigh, USA. Schließlich kamen die Dinos erst vor 235 Millionen Jahren auf, es konnte sich also nur um einen „Phantom-Dicynodonten“ handeln.

Doch Kammerer ist sich sicher, dass Dicynodonten mit frühen pflanzenfressenden Dinosauriern koexistiert haben, das führt er im Fachjournal „Palaeontologia africana“ aus. Die entscheidenden Hinweise hat er in einer Sammlung von Fossilien entdeckt, die seit rund 150Jahren weitgehend unerforscht im Naturhistorischen Museum (NHM) Wien gelagert ist.

 

Sehr mühsam zu bearbeiten

Gesammelt wurden die Fossilien in den 1870er-Jahren vom Amateurpaläontologen Alfred (Gogga) Brown in Südafrika. Jahrelang hatte er mit wenig Erfolg versucht, europäische Forscher für seine Funde zu interessieren. Er habe Material nach London und Paris geschickt, die dort aber auf kein besonderes Interesse gestoßen seien, wie Mathias Harzhauser, Leiter der Geologisch-Paläontologische Abteilung am NHM, erzählt. In Wien schien er mehr Erfolg zu haben: 1876 und 1886 kam Fundmaterial von Brown ans NHM, als Gegenleistung wurde er Mitglied der k. k Geographischen Gesellschaft.

Schließlich hat sich aber auch in Wien kaum jemand für seine Funde interessiert. Das mag daran liegen, dass das Material „sehr unattraktiv ist“, sagt Harzhauser. Was ist damit gemeint? „Das Präparieren dieser roten, wahnsinnig harten Klumpen aus Sandstein ist ein Albtraum, weil die Knochen wesentlich weicher als das Material rundherum sind; es vergehen Hunderte Stunden, bis man das vernünftig präpariert hat“, erklärt der Wissenschaftler.

Wohl deshalb sei das Material so lang im Dornröschenschlaf gelegen. Bis Kammerer gekommen ist und sich die Funde mit einer neuen Fragestellung angeschaut hat – „was die Bedeutung von solchen historischen Sammlungen zeigt“, so Harzhauser.

„Ich wusste, dass die Brown-Sammlung in Wien weitgehend unerforscht war, und es gab allgemeine Übereinstimmung, dass es sich nur um Dinosaurierfossilien aus der späten Trias handelt“, so Kammerer. Doch zu seiner Überraschung entdeckte der Paläontologe unter den vermeintlichen Dinoknochen zahlreiche Überreste von Dicynodonten, darunter Teile des Schädels, der Gliedmaßen und der Wirbelsäule.

Bis zu Kammerers Entdeckung waren die Fußabdrücke neben den Dinospuren der einzige Hinweis auf einen Dicynodonten aus der späten Trias (vor 235 bis 201 Millionen Jahren) – wie zweifelhaft ihre Herkunft war, zeigt der Name, den man ihnen gegeben hat: Pentasauropus incredibili, der Unglaubliche Fünf-Zehen-Eidechsen-Fuß.

Kammerer hat dagegen den von ihm in der NHM-Sammlung neu beschriebenen Dicynodonten in Erinnerung an den ursprünglichen Entdecker Pentasaurus goggai genannt. (APA)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.03.2018)

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