Wort der Woche

Das giftige Erbe unserer Vorfahren

Der Quecksilbergehalt in der Umwelt ist stark erhöht – ein Erbe unserer Geschichte, das wir noch lange mit uns herumschleppen werden.

Quecksilber ist ein besonderer Stoff: Es ist das einzige Metall (und neben Brom das einzige chemische Element), das bei Umgebungsbedingungen flüssig ist. Damit hängt auch sein Name zusammen: Die erste Silbe kommt vom altgermanischen kwikw (keck), verwandt mit quick(-lebendig). Quecksilber bedeutet also „bewegtes Silber“. Der für ein Schwermetall einzigartige Aggregatzustand ist gleichzeitig auch das große Problem: Quecksilber verdampft leicht und ist beim Einatmen hochgiftig. Gleiches gilt in der Form als Methyl-Quecksilber, das von Bakterien erzeugt wird und Lebensmittel wie z. B. Fisch vergiftet (Minamata-Krankheit).

Wie bei der großen Geologentagung EGU diese Woche in Wien bekannt gegeben wurde, enthält die Atmosphäre heute 5,5-mal so viel Quecksilber, als dies natürlicherweise durch die Gesteinsverwitterung der Fall wäre. Der größte Teil davon landet in den Meeren, deren oberflächennahe Schichten einen um 230 Prozent erhöhten Quecksilbergehalt aufweisen. Dafür gibt es zwei Gründe: Quecksilber wird beim Verheizen von Kohle (die Quecksilberspuren enthält) frei. In der Menschheitsgeschichte noch bedeutsamer ist, dass Quecksilber im großen Stil als Lösungsmittel beim Gold- und Silberabbau eingesetzt wurde – vor allem in Südamerika von den spanischen Konquistadoren. Dafür wurden große Mengen Quecksilber aus Mineralien wie etwa Zinnober gewonnen, nach Gebrauch breitete sich der Metalldampf über die ganze Welt aus. Und das spüren wir bis heute: Zwei Drittel des Anstiegs der Quecksilbermenge im Meer ist auf Emissionen von vor mehr als 100 Jahren zurückzuführen.

Heute gibt es mit dem Borax-Verfahren zwar eine umweltfreundlichere Form der Goldgewinnung, doch auch das alte Amalgamverfahren ist mancherorts immer noch gebräuchlich. Apropos Amalgam: Die Quecksilbermengen, die durch Zahnplomben frei werden, sind mit 0,2 Prozent der Gesamtemissionen vernachlässigbar.

Durch die auf UN-Ebene beschlossene Minamata-Konvention, die im Herbst 2017 in Kraft trat, sollen nun die weltweiten Quecksilber-Emissionen gesenkt werden. Bis sich das auf die Umweltverschmutzung auswirkt, wird aber noch viel Zeit vergehen, wie eine andere beim EGU-Kongress präsentierte Studie zeigt: Obwohl Quecksilber in Skandinavien schon seit zehn Jahren verboten ist, ist der Gehalt in Fischen aus schwedischen und norwegischen Seen bisher nicht gesunken.

Dieses giftige Erbe unserer Vorfahren werden wir also noch länger mit uns herumschleppen.

Der Autor leitete das Forschungsressort der „Presse“ und ist Chefredakteur des „Universum Magazins“.

meinung@diepresse.com

www.diepresse.com/wortderwoche

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.04.2018)

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