Asperger half der NS-Euthanasie

Der durch das Asperger-Syndrom berühmte österreichische Kinderarzt Hans Asperger war in das Tötungsprogramm Am Spiegelgrund verstrickt, zeigt ein Historiker.

Hans Asperger (1906–1980) bei einer Pressekonferenz 1971 – er leitete damals die Wiener Universitätsklinik.
Hans Asperger (1906–1980) bei einer Pressekonferenz 1971 – er leitete damals die Wiener Universitätsklinik.
Hans Asperger (1906–1980) bei einer Pressekonferenz 1971 – er leitete damals die Wiener Universitätsklinik. – Votava / Imagno / picturedesk.com

Die moderne Autismusforschung verdankt ihr Fundament einem gebürtigen Österreicher – dem in die USA ausgewanderten Kinder- und Jugendpsychiater Leo Kanner. In Wien hat aber Jahre vor ihm schon ein anderer Österreicher ähnlich wie Kanner die Symptome von Buben geschildert, die er „autistische Psychopathen“ nannte. Asperger wurde ab den Dreißigerjahren als Leiter der heilpädagogischen Abteilung der Wiener Uni-Klinik – und vor allem nach dem Krieg etwa als Leiter der Uni-Klinik zu einer Instanz österreichischer Kinderheilkunde. International wurden seine Arbeiten zum Autismus erst Jahre nach seinem Tod 1980 bekannt. Heute zählt das nach ihm benannte Asperger-Syndrom auch im Englischen zur Alltagssprache.

Aspergers Forschungen sind die längste Zeit offenbar genauer betrachtet worden als seine Vergangenheit. Was Letztere angeht, begnügte man sich mit wenigen Quellen. Man wusste, dass Asperger engagierter Katholik war und dem Nationalsozialismus innerlich distanziert gegenüberstand. Man wusste, dass er sich für die Förderung von behinderten Kindern einsetzte, bei denen er Entwicklungspotenzial sah. Daraus und vor allem aus Eigenaussagen Aspergers folgerten manche sogar, dass er Patienten vor den NS-Euthanasieprogrammen der Nazis schützte, etwa durch Nichtmeldung oder beschönigte Diagnosen.

 

Mit dem NS-Regime arrangiert

Forschungen des Wiener Historikers Herwig Czech ergeben ein viel ambivalenteres Bild. Nun hat er einen Artikel in der Fachzeitschrift „Molecular Autism“ veröffentlicht, der auch die internationale Öffentlichkeit aufmerksam gemacht hat: In „Hans Asperger, National Socialism, and ,race hygiene‘ in Nazi-era Vienna“ bringt er neue Details zu Aspergers Tätigkeit in der NS-Zeit.

Schon 2013 hat Czech gezeigt, dass Asperger zumindest in einem Fall in das Kinder-Euthanasieprogramm Am Spiegelgrund verwickelt war: im Juni 1941. (1940 wurden dort 19 Kinder getötet, 1941 94, insgesamt bis Kriegsende 789). Asperger überstellte ein Mädchen dorthin, Herta S., dessen Gehirn offenbar durch eine Entzündung geschädigt war. „Schwerster motorischer Rückstand, erethische Idiotie, Fraisenanfälle“, diagnostizierte er. „Das Kind muss zuhause für die Mutter, die noch für fünf gesunde Kinder zu sorgen hat, eine untragbare Belastung darstellen. Dauernde Unterbringung auf dem ,Spiegelgrund‘ erscheint unbedingt nötig.“ Die Mutter äußerte Czech zufolge selbst, es wäre vielleicht besser, wenn es sterben würde.

In seiner neuen Arbeit liefert Czech unter anderem Details zu Aspergers Tätigkeit als beratender Facharzt des Wiener Hauptgesundheitsamts. In dieser Funktion gehörte er 1942 einer siebenköpfigen Kommission an, die über die „Bildungsfähigkeit“ von 200 Kindern aus der Nervenheilanstalt Gugging entschied. Die 35 als „aussichtslos“ eingestuften wurden auf den Spiegelgrund überstellt, keines blieb am Leben. Dass der gut vernetzte Asperger von den Vorgängen dort nichts gewusst haben könnte, hält Czech für ausgeschlossen.

Asperger engagierte sich als Student im „christlich-deutschen“ Bund Neuland, trat nie der NSDAP bei. Czech bezweifelt auch gar nicht, dass Asperger innerlich zum Nationalsozialismus Distanz hielt. Doch offenbar versuchte er nach 1938, den Ruf politischer „Unzuverlässigkeit“ loszuwerden. Er war auch Gutachter etwa für die nationalsozialistische Volkswohlfahrt (NSV) und die Hitlerjugend.

 

Auch harte Patientendiagnosen

Als Teil des von den Nationalsozialisten beherrschten Apparats, so Czech, habe Asperger um seiner Karriere willen mit diesen kooperiert. Für die Förderung behinderter Patienten habe er sich zwar eingesetzt, wo er Hoffnung sah. Das Schicksal schwer behinderter Patienten ohne Aussicht auf Besserung habe er nicht thematisiert. Czech hat auch Aspergers Patientendiagnosen untersucht – sie seien oft erstaunlich hart formuliert, schreibt er; sogar im Vergleich mit Am Spiegelgrund erstellten.

Im Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders etwa ist das Asperger-Syndrom seit 2013 nicht mehr als eigenes Krankheitsbild gelistet, die Symptome sind dort unter Autismus subsumiert. Soll man den Begriff auch aus historischen Gründen entsorgen? Zum vorsichtigeren Umgang rät Czech auf jeden Fall.

Lexikon

Asperger-Syndrom. Es wurde in der internationalen Medizin als milde Variante des Autismus bekannt. Symptome sind etwa beeinträchtigte soziale Interaktion, stereotypes Verhalten, „monomane“ Interessen, öfters mit Hochbegabung verbunden (wie bei anderen Autismus-Formen). Die Einordnung (Normvariante, eigenständige Störung oder schwache Form von frühkindlichem Autismus) ist strittig.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.04.2018)

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