Menschenhandel im Mittelmeerraum

Piraterie und Sklaverei prägten einst nicht nur die Karibik. Innsbrucker Forscher erschließen das Thema für Europa und Nordafrika – und bereiten die Inhalte breitenwirksam auf.

Attacke auf La Goletta: Der Tunisfeldzug Karl V. führte zur Versklavung der muslimischen Bevölkerung.
Attacke auf La Goletta: Der Tunisfeldzug Karl V. führte zur Versklavung der muslimischen Bevölkerung.
Attacke auf La Goletta: Der Tunisfeldzug Karl V. führte zur Versklavung der muslimischen Bevölkerung. – Gemeinfrei

Robinson Crusoe, der vor der Küste Nordafrikas von Piraten überfallen wurde und zwei Jahre in marokkanischer Gefangenschaft lebte, ist wohl das literarisch berühmteste Opfer von Piraten. Daniel Defoes Abenteuerroman zeugt gleichzeitig von dem Umstand, dass Freibeuterei, Kaperei und Versklavung nicht nur ein Phänomen von Karibik- oder Südsee-Regionen waren, sondern ab dem 16. Jahrhundert auch den uns nahen Mittelmeerraum prägten. Sowohl für das christliche Europa als auch für das osmanisch beeinflusste Nordafrika waren die auf den Schiffen gehandelten Waren Objekte der Begierde, mehr aber noch deren Passagiere, für deren Freikauf die Erpressung von Lösegeld in Aussicht stand.

 

Die Spuren reichen bis Tirol

Eine erste kulturwissenschaftliche Aufarbeitung erfolgt in dem groß angelegten und vom Wissenschaftsfonds FWF geförderten Forschungsprojekt Escape (European Slaves: Christians in African Pirate Encounters) an der Universität Innsbruck, das von Mario Klarer, Universitätsprofessor für Amerikanistik, geleitet wird. Forscher spürten rund 130 autobiografische Erlebnisberichte vom 16. bis zum 19. Jahrhundert auf, die in allen wichtigen europäischen Sprachen überliefert sind.

Nicht zuletzt durch Überraschungsfunde in Kleinarchiven können die Forscher zeigen, dass die Mittelmeerpiraterie und Sklaverei Auswirkungen bis in die entlegensten Regionen Europas hatten. „So musste zum Beispiel der Bauer Georg Kleubenschedl in den 1620er-Jahren seinen Hof im tirolerischen Stams über Mittelsmänner veräußern, um sich aus vieljähriger Gefangenschaft in Tunis freikaufen zu können. Er wurde wahrscheinlich auf einer Pilgerreise ins Heilige Land 1612 versklavt und nach Tunis verschleppt“, schildert Klarer eines der Beispiele, die in den Bereich des heutigen Österreich führen.

In die Öffentlichkeit zurückwirken wird das FWF-Projekt durch eine große Ausstellung unter dem Titel „Piraten!“, die im Sommer 2019 auf Schloss Ambras bei Innsbruck 60.000 Menschen ansprechen soll. Hierbei wird über Mario Klarers zusätzliches gefördertes „Sparkling Science“-Projekt „Slaves“ mit drei Innsbrucker Schulen kooperiert.

Dadurch wird Breitenwirkung erzielt. So verfassen Schüler der Abteilung „Grafik und Design“ der HTL Innsbruck Graphic Novels und Comics von frühneuzeitlichen Sklavenerzählungen. Es wird ein maßstabsgetreues Architektur-Modell der Stadt Algier angefertigt. Historische Gewänder der Sklavenzeit werden originalgetreu nachgeschneidert. Andere Schulen arbeiten mit Flüchtlingsheimen zusammen, um das Thema durch zeitgenössische Bezüge zu erweitern.

 

Auch Schüler arbeiten mit

Ein Student der Universität Bozen, an der Klarer eine Nebenbeschäftigung als Lehrbeauftragter für Wirtschaftskommunikation ausübt, programmiert für die Piraten-Ausstellung innerhalb seiner Abschlussarbeit ein Handyapp für eine Schnitzeljagd. Schüler der Handelsakademie Innsbruck füllen das App mit Inhalten – etwa Fragen, Quizze, Videos – speziell für Jugendliche auf. Dabei werden sie durch Lehrer und Lehramtsstudierende unterstützt, die an eigens für die Ausstellung konzipierten Proseminaren der Uni Innsbruck teilnehmen. Begleitend zur Schau werden (neben dem Katalog) für die breitere Öffentlichkeit und das wissenschaftliche Publikum Anthologien zu Sklavenberichten und Aufsatzsammlungen in den renommierten Verlagen der Columbia University und University of California erscheinen.

Der wichtigste nächste Schritt, um „Escape“ sozusagen zu komplettieren, wäre jedoch dessen Umkehrung, also die Erforschung der Sklavenberichte von Nordafrikanern, die in europäische Gefangenschaft gerieten. Für die Arbeit an diesen und anderen Texten (beispielsweise Biografien muslimischer Piraten oder Berichte nordafrikanischer Freikäufer von Sklaven in Europa), die großteils als Manuskripte in türkischer oder arabischer Sprache vorliegen, ist ein weiteres Forschungsprojekt mit Namen „Ransom“ („Research on Autobiographical Narratives by Slaves in the Oriental Mediterranean“) in Planung.

Der Antrag für dieses FWF-Folgeprojekt soll demnächst eingereicht werden.

LEXIKON

Barbaresken- und Mittelmeer-Sklaverei. In der frühen Neuzeit wurden mehrere hunderttausend Europäer auf nordafrikanischem Boden sowie umgekehrt eine ähnlich große Anzahl muslimer Bevölkerung aus Nordafrika von europäischer Seite versklavt.

Barbarei.
In Europa gebrauchter abwertender historischer Begriff für die nordafrikanischen Küsten-Stadtstaaten (abgeleitet von den Berberstämmen).

Sklavenmärkte. Europäer wurden auf Sklavenmärkten in Tunis, Algier, Tripolis und Salé gehandelt, Nordafrikaner in Malaga, Marseille, Livorno und Malta verkauft – letztere auch im Namen christlicher Verbände wie etwa der Malteser.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.06.2018)

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