Fischsauce und Traubenmost aus der Römerzeit

Vor der spanischen Mittelmeerküste wurde ein mehr als 2000 Jahre altes römisches Handelsschiff entdeckt, dessen Fracht in Amphoren die Zeit zum Teil unbeschadet überstanden hat. Ihr Inhalt bietet den Forschern nicht nur Einblick in römische Essgewohnheiten.

Von den 1000 Amphoren haben Forscher bisher 18 gehoben und untersucht. Insgesamt sollen mindestens 30 der Keramikgefäße geborgen werden.
Von den 1000 Amphoren haben Forscher bisher 18 gehoben und untersucht. Insgesamt sollen mindestens 30 der Keramikgefäße geborgen werden.
Von den 1000 Amphoren haben Forscher bisher 18 gehoben und untersucht. Insgesamt sollen mindestens 30 der Keramikgefäße geborgen werden. – ÖAW/González Cesteros

Vor dem rauen, felsigen Küstenabschnitt der katalonischen Provinz Girona kam es in der Antike öfter zu Schiffsunglücken: Bereits in den 1970er-Jahren fand man hier ein römisches Wrack, nur unweit davon entdeckten Forscher 2017 ein weiteres Schiff aus der Römerzeit. Als es im vergangenen Jahr von Tauchern erkundet wurde, stießen sie zwischen den Überresten des Laderaums in 46 Metern Tiefe auf einen archäologischen Schatz: Rund 1000 gut erhaltene Amphoren lagen auf dem Meeresgrund, einige davon sogar noch mit Harz versiegelt, ihr Inhalt seit mehr als 2000 Jahren unberührt.

 

Transport in Wassertanks

Für den Archäologen und Experten für antike Keramik Horacio González Cesteros vom Österreichischen Archäologischen Institut der ÖAW, der die Amphoren und ihre Geschichte untersucht, ist der Fund ein Glücksfall: „Die sind für mich wie Zeitkapseln – man kann entdecken, was transportiert und wo es produziert wurde. Manche Menschen mögen denken: Das sind doch nur Gefäße. Für mich aber sind sie ein Teil unserer sozialen und wirtschaftlichen Geschichte.“

Einzeln werden die Amphoren derzeit geborgen und ins Labor gebracht – ein mühsames Unterfangen. Damit sie nach Jahrtausenden im Salzwasser nicht durch den plötzlichen Kontakt mit Sauerstoff zu Schaden kommen, werden sie in großen Wassertanks transportiert und auch darin untersucht. Während der vielen Stunden, die er dafür in den Tanks stand, habe er sich zwar verkühlt, so González Cesteros, doch die Arbeit hat sich gelohnt: Neben gesalzenen Fischstücken oder Fischsauce fand er in den versiegelten Gefäßen auch Trauben- und Olivenkerne sowie einen Defrutum genannten eingekochten Traubenmost, den die Römer zum Süßen und Konservieren verwendeten. Die Lebensmittel seien nicht einmal verdorben gewesen, betont der Archäologe. „46 Meter unter dem Meeresspiegel gelegen, im Dunkeln, das ist wie ein Kühlschrank.“

Die kulinarischen Vorlieben der Römer sind dabei nur ein kleiner Teil der Informationen, die González Cesteros aus dem Amphorenfund gewinnt – allein ihre Form verrät dem Forscher etwa viel über die Herkunft der Gefäße: „An Bord des Wracks gibt es drei unterschiedliche Amphorentypen. Alle stammen aus Andalusien, aus der damaligen Provinz Baetica.“

 

Versorgung für Legionen

Auch die Art der Beladung und die Bauweise des bis zu 20 Meter langen und sechs Meter breiten Schiffs gebe Hinweise auf seine Herkunft und Bestimmung, so González Cesteros: „Das Schiff wirkt sehr modern und stammt seinem Bautypus nach nicht von der iberischen Halbinsel, sondern gleicht Schiffen aus Ostia und Puteoli im heutigen Italien. Die Last ist homogen verteilt, darum handelt es sich wohl um ein staatliches, offizielles Schiff. Aber das ist bisher natürlich nur eine Vermutung, die noch nicht bestätigt ist.“

Wohin das Schiff aus dem späten ersten Jahrhundert vor Christus steuerte, dafür gebe es verschiedene Möglichkeiten, ergänzt der Wissenschaftler. Am wahrscheinlichsten sei es, dass die Fracht für Arelate, das heutige Arles in Südfrankreich, bestimmt war, um mit einem Flussschiff über das Rhônetal nach Lyon zu gelangen. „Von dort ging es dann weiter Richtung Rheingrenze, wo Krieg herrschte und wo mindestens sechs oder sieben Legionen versorgt werden mussten.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.05.2019)

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