Wie der Wettbewerb in die Welt kam

An den Universitäten Linz und Wien stellen sich junge Forscherinnen und Forscher dem Wettbewerb: Warum ist das ökonomische Konzept so allgegenwärtig? Das interdisziplinäre Projekt soll der normativen Kraft des Konkurrenzdenkens Rechnung tragen.

Wohnungsbesichtigung am Samstagmorgen in Wien. 28 Paare – davon gut die Hälfte kinderlose Doppelverdiener – schieben sich durch die Dreizimmerwohnung. Nur die besten Kandidaten haben es hierhergeschafft. Dass man vorher schon Einkommensbescheide und Führungszeugnisse eingereicht hat, kommt keinem der Anwesenden komisch vor. Es herrscht eben Wettbewerb. Doch woran liegt es, dass die Konkurrenz in vielen Lebenssituationen als Norm, oft als das einzige Ordnungsprinzip, anerkannt ist?

 

Kampf um Wiener Wohnraum

Ein groß angelegtes Forschungsprojekt, koordiniert vom Institut für die Gesamtanalyse der Wirtschaft (ICAE) an der Johannes Kepler Universität Linz, geht dieser Frage nun nach. Fast 2,5 Millionen Euro konnten die fünf beteiligten Forscherinnen und Forscher dafür vom Wissenschaftsfonds FWF einwerben. Der Anspruch des wissenschaftlichen Nachwuchses ist Interdisziplinarität: „Unsere Disziplinen – Ökonomik, Soziologie und Ethnologie – haben sich erst im ausgehenden 19. Jahrhundert auseinanderentwickelt. Wir versuchen nun wieder einen umfassenden Denkansatz zu fördern“, sagt der Koordinator des Projekts, Stephan Pühringer vom ICAE.

In fünf Arbeitsschwerpunkte gegliedert untersucht das Team, wie der Wettbewerbsbegriff in Gesetzestexte und den gesellschaftspolitischen Diskurs Eingang fand. Außerdem soll am Beispiel des Wiener Wohnungsmarktes erforscht werden, wie der Wettbewerb konkrete Alltagspraktiken beeinflusst. Trotz der mildernden Wirkung des öffentlichen Wohnungsgebers sei der Markt ein relevantes Forschungsobjekt: „In Wohnungsbesichtigungen und WG-Castings lässt sich ein Konkurrenzkampf beobachten.“ Die beteiligten Ethnologen der Universität Wien werden daher auch ethnografische Studien anstellen.

 

Vom Modell in die Praxis

Wie sich der Wettbewerbsbegriff in der Volkswirtschaftslehre entwickelt hat, untersuchen Pühringer und sein Kollege Claudius Gräbner in einer umfassenden Analyse der akademischen Literatur. Die Funktion des Wettbewerbs habe sich bereits in der Frühphase ökonomischer Ideengeschichte verändert, so Pühringer: „Für Adam Smith, oft als Gründervater der Ökonomik bezeichnet, bedeutete Wettbewerb noch eine physische Konkurrenz von Händlern auf einem Marktplatz. Schon für Karl Marx war er bereits ein abstraktes Phänomen geworden.“ Spätestens mit dem Aufkommen der neoklassischen Schule Ende des 19. Jahrhunderts sei Wettbewerb zu einer zentralen Annahme geworden. Monopole und Oligopole, bei denen wenige Anbieter einen Markt untereinander aufteilen, tauchten modelltheoretisch nur als Abweichungen vom perfekten Wettbewerb auf. Pühringer: „Obwohl viele Märkte oligopolistisch strukturiert sind, besteht die Heuristik von perfektem Wettbewerb als Kernelement der Marktwirtschaft bis heute fort.“

Wie genau solche Modellannahmen ihren Weg in die reale Wirtschaftspolitik finden, etwa in die Agenda der Europäischen Union, bildet einen weiteren Arbeitsschwerpunkt. „Performativität“ oder Wirkmächtigkeit nennen die Forscher den Prozess, mit dem sich akademisches Wissen in der Gesellschaft niederschlägt. Durch den akademischen oder medialen Diskurs kann sich ein Konzept in den Köpfen ökonomischer Akteure festsetzen und so etwa die Formulierung von Gesetzestexten beeinflussen.

Die Zusammenarbeit mit Ethnologie und Soziologie erlaube es, den Wettbewerb auch als veränderbare soziale Norm zu betrachten, sagt Pühringer: „Kennen wir die Voraussetzungen, die den Wettbewerb zu einem so zentralen gesellschaftlichen Grundsatz gemacht haben, erfahren wir vielleicht auch, wie man ihn verändern kann.“ Das Forschungsprojekt läuft seit Mai und ist auf mindestens vier Jahre angesetzt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.07.2019)

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