HIV-Entdecker will DNA-Homöopathie

Der Mitentdecker des HI-Virus und Nobelpreisträger Luc Montagnier erhält in China die Chance, eine umstrittene Idee zu erkunden. An seinem eigenem Institut wird er seine Abwandlung der Homöopathie verfeinern.

(c) EPA (ALBERTO ESTEVEZ)

Kommen Autismus und andere Leiden des Gehirns wie Alzheimer und Parkinson von Bakterien bzw. elektromagnetischen Wellen, die sie im Blut hinterlassen? Und sind diese Krankheiten deshalb mit Antibiotika bzw. elektromagnetischen „Gegenwellen“ therapierbar? Das ist der jüngste Verdacht von Luc Montagnier, der 1983 das HI-Virus mitentdeckt und dafür 2008 den Nobelpreis erhalten hat. Er machte schon öfter mit unkonventionellen Ideen von sich reden – empfahl etwa Papaya gegen Aids, allerdings könne die Frucht antivirale Medikamente nur ergänzen, nicht ersetzen –, und vor zwei Jahren publizierte er eher unbeachtet in einem neuen Journal, dessen Herausgeber er selbst ist, über elektromagnetische Signale, die von Bakterien und Viren (HIV) im Blut hinterlassen würden und die er gemessen habe (Interdisciplinary Sciences: Computational Life Sciences, 1. S.81, S.245).

Im Mainstream machte er sich damit keine Freunde, aber zwei Organisationen wurden aufmerksam, das Autism Research Institute ARI (San Diego) und die Jiaotong University (Shanghai). Das ARI will mit 40.000 Dollar einen Test von Montagniers Autismus-Hypothese in Frankreich finanzieren: 30 autistische Kinder sollen auf Bakterien getestet und bei positivem Befund einer Langzeitbehandlung mit Antibiotika unterzogen werden, das birgt Risken, deshalb muss eine Ethikkommission zustimmen. Ob es Erfolgsaussichten hat, ist zweifelhaft, wissenschaftlich ist ein Zusammenhang von Bakterien und Autismus nicht gezeigt, allerdings berichten manche Eltern vom Segen langer Antibiotikabehandlung (Naturenews, 8.12.).

 

Erinnert sich Blut an DNA?

Wie das Ganze funktionieren soll, wird Montagnier in Shanghai erkunden. Er, der mit 78 in Frankreich keine Forschungsgelder mehr bekommt, erhält in China ein eigenes Institut, das nach ihm benannt ist, dort wird er seine Abwandlung der Homöopathie verfeinern. Die originale arbeitet mit Verdünnung irgendwelcher Chemikalien bzw. der „Erinnerung“ des Wassers an sie. Montagnier geht weiter, bei ihm erinnert sich Wasser bzw. Blut an DNA – aber nur an die von Pathogenen, Bakterien und Viren –, man könne entsprechende elektromagnetische Wellen messen. Montagnier knüpft damit an eine Hypothese von Jacques Beneviste an – auch Paris, auch Nobelpreis –, der 1998 in Nature publiziert hat: Antikörper wirkten in extremer Verdünnung, 10-20. Nature zog die Arbeit später zurück und nannte sie selbst eine „Verdünnung“, Beneviste verlor neben dem Ruf den Job.

Montagnier lässt sich davon nicht schrecken, er will die elektromagnetischen Wellen von Pathogenen-DNA weiter messen und Autismus etc. nicht nur mit Antibiotika bekämpfen, sondern auch mit „elektromagnetischen Wellen“ (Science, 330, S.1732). „Nein, das ist keine Pseudowissenschaft und Quacksalberei“, beharrt er gegenüber Science darauf, und gegenüber Nature zeigt er einen klaren Verstand: Warum er seine Sensation denn nicht in führenden Journalen publiziert habe? „Weil die zum Revolver gegriffen hätten!“ jl

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.12.2010)

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