Das Erbe der Neandertaler macht uns stark

Von den längst verschwundenen anderen Menschen kamen Genvarianten des Immunsystems auf uns. Die Vorstellung, dass wir Mischwesen sind, ist in der Wissenschaft lange tabu geblieben.

(c) AP (FRANK FRANKLIN II)

Vor 37.000 Jahren lebten im sibirischen Altai für kurze Zeit gleich drei verschiedene Menschen nebeneinander: H. sapiens, Neandertaler und „Denisova-Menschen", die beiden waren seit Hunderttausenden von Jahren da, H. sapiens war gerade aus Afrika gekommen. Und nun lebten alle drei nebeneinander, aber nicht nur, sie erkannten einander auch, im biblischen Sinn. Die Folgen haben wir im Körper: Vier Prozent unserer Gene stammen von Neandertalern, sechs Prozent der Gene der Melanesier von Denisova-Menschen, das zeigten Genomvergleiche im Vorjahr.
Damit war bestätigt, dass es folgenreichen Sex gegeben hatte: Erik Trinkaus (Washington University, St. Louis) sah lange schon in Neandertaler-Funden mosaikartige Morphologien, die auch H. sapiens enthalten; Bruce Lahn (University of Chicago) fiel auf, dass vor 37.000 Jahren ein neues Gen in H. sapiens hineinkam, justament eines, das für die Gehirnentwicklung wichtig ist; und Peter Paham (Stanford) bemerkte Seltsames im „major histocomtatibility-complex" (MHC), das ist eine Gengruppe des Immunsystems: In Europa häufen sich Varianten, die es in Afrika kaum gibt, also müssen unsere Ahnen sie erst nach ihrem Auswandern aus Afrika vor etwa 60.000 Jahren von irgendwo her bekommen haben.

Aber die Vorstellung, dass wir Mischwesen sind, ist auch in der Wissenschaft lange tabu geblieben, sie kränkt, erst die Genome überzeugten. Deren Analysen nahmen allerdings nur die gesamte DNA in den Blick, sie sagten nichts darüber, welche Gene wir von unseren längst verstorbenen Brüdern ererbt haben (beide verschwanden vor etwa 35.000 Jahren aus unbekannten Gründen). Das hat Paham nun nachgeholt, er konnte seinen Verdacht bestätigen: Wir haben von Neandertalern und Denisova-Menschen nicht irgendetwas, sondern etwas höchst Nützliches, Varianten der HLA-Gene. Die gehören zum MHC, offenbar haben die beiden anderen Menschen, die vor Hunderttausenden von Jahren aus Afrika nach Eurasien gekommen sind, sie dort entwickelt, um Krankheiten abzuwehren, die es in Afrika nicht gibt. H. sapiens übernahm sie, als auch er viel später aus Afrika nach Eurasien kam (Science, 25. 8.).

Sie konnten einander gut riechen

Vielleicht konnten die drei Ahnen einander deshalb so gut riechen, dass sie sich miteinander reproduzierten: Jede MHC-Variante gibt ihrem Träger einen individuellen Duft, den nutzen Tiere wie Menschen bei der Partnerwahl. Sie bevorzugen MHC, das vom eigenen möglichst weit entfernt ist, es hält den Genpool des Nachwuchses breit. Und wenn die neuen Genvarianten auch noch stärken, ist das eine willkommene Zugabe. Aber der Fund macht das Rätsel des Verschwindens der beiden anderen Menschen noch dunkler: Warum gingen sie oder ließen sich von H. sapiens erschlagen oder verdrängen, wenn sie genetisch - und im Verhalten ohnehin - an die Umwelt angepasst waren, in die dieser erst hineinfinden musste und mit ihrer zärtlichen Hilfe auch fand?

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