Identität ist nicht festgeschrieben

Die Slawistin Katharina Tyran ist selbst Burgenland-Kroatin und erforscht deren Sprache und Kultur. Der Name trügt: Die Minderheit lebt noch in der Slowakei, Wien und Ungarn.

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(c) Die Presse - Clemens Fabry

Im Burgenland lebt eine kroatische Minderheit. Sie sorgt in der Mehrheitsbevölkerung für wenig Aufregung. Einen Ortstafelstreit wie bei den Kärntner Slowenen gab es nie. Österreichische Sportler wie Andreas Ivanschitz oder Julia Dujmovits, Kabarettisten wie Thomas Stipsits oder Lukas Resetarits, Politiker wie Nikolaus Berlakovich oder Norbert Darabos haben burgenlandkroatische Wurzeln. Für diese sind sie aber kaum bekannt. Viele Burgenland-Kroaten verloren ohnehin die kroatischen Sprachkenntnisse. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts assimilierten sich Teile einer ganzen Generation beinahe vollständig.

Katharina Tyran weiß aber, dass weder die Sprache noch die Kultur dieser Ethnie ganz verschwunden ist. Die an der Humboldt-Universität zu Berlin forschende Burgenland-Kroatin streicht das in ihrer im Biblion Media Verlag erschienenen Dissertation „Identitäre Verortung entlang der Grenze“ explizit hervor. In den 1960er- und 1970er-Jahren wollte es die Minderheit vermeiden, als „jugoslawisch“ gesehen zu werden: Im Kalten Krieg war Jugoslawien zwar blockfrei, aber immer noch kommunistisch. Im neutralen Österreich war das nicht immer gern gesehen. „Die Burgenland-Kroaten waren insofern dreifach stigmatisiert: als Burgenländer, als Krowodn – oder Kroaten – und teils noch als Jugoslawen“, sagt Tyran. Für ihre kulturanthropologische Analyse arbeitete sie mit Zeitungen und Druckerzeugnissen aller Art, um vor allem über den medialen und öffentlichen Diskurs im Lauf des 20. Jahrhunderts Bescheid zu wissen.

 

Krowodn-Rock und Grammatik

Schon Ende der 1970er-Jahre und vor allem in den 1980er-Jahren gab es eine junge, selbstbewusste Generation, die ihre Herkunft verstärkt betonte: Bekanntestes Beispiel ist die auf Kroatisch singende Band Bruji, deren „Krowodn-Rock“ selbst Ö3 spielte. Besonders mit dem Fall des Eisernen Vorhangs verstärkte sich die kroatische Identität: Es entstanden Wörterbücher und eine burgenland-kroatische Grammatik. Das war der Minderheit wichtig, denn „ihr Dialekt unterscheidet sich vom kroatischen Kroatisch zum Teil so wie das Vorarlbergisch vom Wienerischen“, sagt Tyran.

Die EU-Erweiterungen brachten einen neuen Schwung für die Minderheit. Zum einen, weil auch in der Slowakei und in Ungarn Burgenland-Kroaten leben. Nun entstand ein grenzübergreifender, gemeinsamer Raum. Zum anderen, weil das Mutterland Kroatien ebenfalls EU-Mitglied wurde. Kroate sein wurde dadurch wieder positiv besetzt.

Die insgesamt etwa 65.000 Burgenland-Kroaten veranstalten Musikfestivals, haben ihren Folkloretanz, publizieren Zeitungen und Zeitschriften sowie Literatur in ihrer Sprache und strahlen sogar eigene Fernsehsendungen aus. 35.000 Burgenländer, 15.000 Wiener, 12.000 Ungarn und 3000 Slowaken sind selbstbewusste Kroaten.

Dennoch gibt es Unterschiede. Eine für alle geltende Identität gibt es nicht. Das ist teils historisch bedingt. In Österreich sind sie trotz der beschriebenen Bewegungen stark verwurzelt. In Ungarn sind sie als nationale Minderheit definiert. Dort verwenden sie auch die kroatische Symbolik, etwa das rot-weiße Schachbrettmuster der Flagge. In der Slowakei wurden sie wegen ihrer geringen Zahl großteils völlig ignoriert, aber auch hier dürfen sie ihre kroatische Herkunft offen zeigen. Wichtige Erkenntnis aus Tyrans Arbeit ist, dass die Identität nicht festgeschrieben ist, aber Tendenzen aufweist: In Österreich ist man meist zuerst Burgenländer oder Wiener und dann Kroate. In der Slowakei und Ungarn ist man eher nationalkroatisch.

 

Vorteile bei der Fußball-EM

Sie selbst sieht sich zunächst als Wiener Großstadtkind, weil sie dort aufgewachsen ist. Zugleich identifiziert sie sich kulturell als Burgenland-Kroatin. So tanzte Tyran lange Zeit selbst zur Folkloremusik. Nach wie vor reist sie privat zu Musikfestivals in die burgenland-kroatischen Gebiete. Forschungsreisen dorthin sind ohnehin üblich. Beim Fußball genießt sie wiederum Vorteile wie kaum jemand, da sie sich als Fan mehrfach absichern kann: Bei der laufenden Europameisterschaft hielt sie zu Österreich, Ungarn, Slowakei und Kroatien. Selbst diese vierfache Absicherung half ihr diesmal nichts: „Zu Deutschland halte ich aber, auch wenn ich nun in Berlin lebe, nicht“, betont sie.

Die Forscherin ist selbst das beste Beispiel dafür, wie Identitäten funktionieren. Diese sind nicht streng an eine Nation gebunden: „Man bedient sich eines identitären Setzkastens, der aus sozialer Herkunft, Geschlecht, Hautfarbe, Schicht, Emotion, Region, Nation und mehr besteht“, sagt Tyran.

ZUR PERSON

Katharina Tyran wurde 1982 in Wien geboren, wo sie von 2001 bis 2007 Slawistik studierte. Zudem war sie Redaktionsmitarbeiterin der Zeitschrift „Spiegel“. Von 2007 bis 2012 war sie wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Sprach- und Kulturwissenschaft an der Humboldt-Universität Berlin (HU). Ihre Dissertation verteidigte sie 2015. Seit 2016 ist sie Lehrbeauftragte für Kroatisch an der HU und zudem freiberufliche Übersetzerin.

Alle Beiträge unter:diepresse.com/jungeforschung

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.07.2016)

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