Poetry-Slams im alten Byzanz

Die Byzantinistin Krystina Kubina analysiert für ihre Forschung griechische Gedichte. Literatur hatte im griechischen Mittelalter einen hohen Stellenwert in der Gesellschaft.

Kürzlich hat sie sub auspiciis promoviert: Krystina Kubina erforscht viele der 25.000 Verse, die der Dichter Manuel Philes hinterlassen hat.
Kürzlich hat sie sub auspiciis promoviert: Krystina Kubina erforscht viele der 25.000 Verse, die der Dichter Manuel Philes hinterlassen hat.
Kürzlich hat sie sub auspiciis promoviert: Krystina Kubina erforscht viele der 25.000 Verse, die der Dichter Manuel Philes hinterlassen hat. – (c) Die Presse (Clemens Fabry)

Ein charismatischer Lehrer für Griechisch war es, der bei Krystina Kubina die Begeisterung für die Antike und das Altgriechische weckte. Dass die damals 13-Jährige am Sächsischen Landesgymnasium in Meißen, Deutschland, später eine angesehene Forscherin im Bereich der Byzantinistik wird, hat vielleicht nicht einmal der Lehrer geahnt. Ihre guten Noten im gesamten Schul- und Studienverlauf brachten Kubina im März 2019 auch die Ehrung mit der Sub-Auspiciis-Promotion durch Bundespräsident Alexander Van der Bellen an der Uni Wien ein. „Ich habe erst vor zwei Jahren, als eine Kollegin am Institut für Byzantinistik und Neogräzistik sub auspiciis promovierte, von dieser Auszeichnung erfahren“, sagt Kubina, die seit 2014 in Wien lebt.

Ihren Forschungsschwerpunkt verfolgt sie seit dem Studium an der Uni Freiburg: In der Fächerkombination Griechisch, Germanistik und Mittellatein entdeckte sie, wie spannend das Mittelalter ist. Besonders der griechische Osten, Byzanz, hatte es ihr angetan. Das byzantinische Reich überdauerte die Zeit vom vierten bis in das 15. Jahrhundert und wurde von den Kaisern in Konstantinopel regiert.

 

Lesung konnte das Ansehen steigern

Diese Epoche ist viel weniger erforscht als die klassische griechisch-römische Antike. „Die gesellschaftlichen Umstände in Byzanz sind ganz andere: Denn hier verbindet sich das klassische griechische Erbe mit römischen Staatsstrukturen und der christlichen Religion.“ Bereits in ihrem Auslandsjahr in England, wo Kubina an der University of Oxford eine Masterausbildung abschloss, fand sie Gefallen an dem hohen Wert von Dichtung in der byzantinischen Gesellschaft. „Gedichte wurden in einer Art literarischem Salon vorgetragen. Ein Dichter konnte damit sein Ansehen steigern. Aber auch umgekehrt konnte sich sein Status verschlechtern, wenn seine Gedichte nicht gut vorgetragen wurden“, beschreibt Kubina.

Aus Berichten dieser Zeit weiß man, dass die Zuhörerschaft solcher Lesungen sehr gemischt war, es wurde laut applaudiert und intensiv über die Texte diskutiert. Die Stimmung dürfte also heutigen Poetry-Slams nicht unähnlich gewesen sein. „Mein Betreuer in Oxford hat mich auf einen sehr wichtigen Dichter aufmerksam gemacht, der 25.000 Verse hinterlassen hat, aber so gut wie nicht erforscht war“, sagt Kubina. Manuel Philes, geboren circa 1275, gestorben nach 1332. „Es gab keine Monografie über ihn. In meiner Masterarbeit habe ich eine Textausgabe einiger unveröffentlichter Gedichte erstellt und in der Dissertation sein Werk aus einer breiteren Perspektive analysiert“, sagt die 30-Jährige. Philes' Dichtung ist nur zu verstehen, wenn man das soziale und kulturelle Umfeld kennt. Die Verse wurden bei unterschiedlichsten Anlässen vorgetragen, wie Begräbnisse, Hochzeiten oder Prozessionen des Kaisers. „Seine Gedichte waren in Konstantinopel auch physisch sehr präsent, als Bauinschrift in Kirchen oder in den langen Grabinschriften, die damals angebracht wurden.“ Auch auf Ikonen sind Beschreibungen des Bildes und des Stifters in Versform erhalten. Das für Philes typische Versmaß ist der Zwölfsilber, aber auch Hexameter waren in Byzanz „in“. „Der Fünfzehnsilber war damals stark in mündlicher Dichtung vertreten“, so Kubina. Reime, wie sie heute mit Dichtung verbunden werden, hatten für Gedichte in Byzanz keine Bedeutung. „Die Literatur hatte in Byzanz eine hohe kulturelle Relevanz und nahm eine wichtige soziale Rolle ein“, sagt Kubina. Wenn man diese erforscht, kann man die globale Geschichte des Mittelalters besser verstehen. „Immerhin ist Byzanz die Schnittstelle des europäischen, westlichen Mittelalters und des Mittelalters im Osten.“

Auf die Frage, wie Kubina es privat mit der Lyrik hält, schmunzelt sie: „Meine jugendlichen Gedichte sind im hintersten Eck des Abstellraums gelandet.“ Für ihre kulturelle Entwicklung reist sie inzwischen lieber. Sei es im Urlaub, sei es für die Forschung, um originale Bücher und Handschriften in den Bibliotheken des Vatikans oder in Athen einzusehen. „Außerdem mag ich klassische Musik sehr gern und singe regelmäßig in einem Chor.“

ZUR PERSON

Krystina Kubina wurde 1988 in Zwickau (D) geboren und studierte in Freiburg Griechisch, Germanistik und Mittellatein. Nach einem Master an der University of Oxford forschte sie ab 2014 an der Byzantinistik der Uni Wien (Uni:docs-Stipendium). Derzeit arbeitet sie in einem Hertha-Firnberg-Projekt vom Wissenschaftsfonds FWF an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften.

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.04.2019)

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