Die Ökonomie des Klimawandels

Politisch ist die CO2-Steuer ein heikles Thema. Doch sie müsse nicht zwingend auf Kosten der sozialen Gerechtigkeit gehen, sagt Volkswirt Armon Rezaivon der WU Wien.

Aktuell untersucht Armon Rezai, wie man effiziente Umweltmaßnahmen und soziale Ausgewogenheit unter einen Hut bringen kann.
Aktuell untersucht Armon Rezai, wie man effiziente Umweltmaßnahmen und soziale Ausgewogenheit unter einen Hut bringen kann.
Aktuell untersucht Armon Rezai, wie man effiziente Umweltmaßnahmen und soziale Ausgewogenheit unter einen Hut bringen kann. – Akos Burg

Die Erderwärmung wird sich ohne rechtzeitige und weitreichende Änderungen nicht einbremsen lassen. Das zeigen die Berichte des Weltklimarats unmissverständlich.“ Armon Rezai runzelt die Stirn. „Warum ist es also so schwierig, die nötigen Maßnahmen politisch umzusetzen?“ Zumal auch das Ausmaß der Folgen sattsam bekannt sei. Dennoch befinde sich kein europäisches Land auf geradem Kurs zur Erreichung der Klimaziele. Auch Österreich sei längst kein Musterschüler in der Umweltpolitik mehr. „Da bietet es sich an, über die Hemmnisse nachzudenken und vielversprechende staatliche Hebel zu untersuchen.“

 

Nachteilige soziale Effekte abfedern

Rezai ist Volkswirt und hat seit Dezember die Stiftungsprofessur für Sozioökonomie der Arbeit an der Wirtschaftsuniversität (WU) Wien inne. In einem aktuellen Projekt befasst er sich gemeinsam mit Kollegen aus England, Irland und Argentinien mit der Wechselwirkung zwischen der immer energischer geforderten CO2-Steuer und der Einkommensverteilung. „In der Diskussion um Anreize zur Verringerung fossiler Energieträger wird oft allein um die Existenzberechtigung dieser Abgabe für Kohlendioxideinsatz gestritten“, so der 37-Jährige. „Wir müssten aber zugleich die Verwendung der so lukrierten Steuereinnahmen klären.“ Zweifellos hätten teureres Öl, Gas oder Benzin Auswirkungen auf den Alltagskonsum. Und verständlicherweise scheue man davor zurück, dass sich einkommensschwache Menschen etwa das Heizen nicht mehr leisten können. „Doch es gibt Möglichkeiten, diese Preiserhöhungen auszugleichen. Die sehen wir uns jetzt genauer an.“

Etwa mit welchen Beträgen sich die CO2-Steuer real auf unterschiedliche Haushalte auswirkt. Und um wie viel man zum Beispiel die Einkommen- oder Mehrwertsteuer zum Ausgleich senken könnte. Ob eine einheitliche Steuergutschrift gesellschaftlich ausgewogener wäre. Oder was es bringt, diese Gelder in Umwelt- und Sozialprojekte zu stecken. Vor allem: „Wie verhindert man eine Schieflage zu Ungunsten von Geringverdienern und bündelt die diversen Interessen so, dass jeder damit leben kann?“ Die Ergebnisse sollen den Weg zu Lösungen ebnen, die ökologisch effektiv genug, aber auch sozial verträglich sind.

Die Auswirkungen von Wirtschaftsprozessen interessierten Rezai schon früh. „Ich habe Volkswirtschaft studiert, weil sie sich mit großen gesellschaftlichen Fragen befasst.“ Ökonomische Argumente würden heutzutage fast jeden Lebensbereich prägen. „Deren Ursprung, Gültigkeit und Effekte besser zu verstehen ist meine Hauptmotivation.“ Rezais Fokus liegt auf Arbeit, Einkommensverteilung und Nachhaltigkeit. „Ich versuche, Wirtschafts-, Verteilungs- und Klimakrise gemeinsam zu betrachten. Wie wirkt sich die eine auf die andere aus?“ Nach dem Promotionsstudium als Fulbright-Stipendiat an der New School for Social Research in New York sah der in Leoben geborene und in Mödling aufgewachsene Forscher seine unbeschwerte Jugend in neuem Licht: „In den USA wurden mir die Vorzüge des österreichischen Sozialstaats so richtig bewusst“, erzählt er. „Zwar ist bei uns nicht alles rosig und sieht man auch hier das soziale Gefüge schwächer werden, doch eine Gesellschaft ohne staatlich verankertes Zuständigkeitsgefühl für das Gemeinwohl ist um einiges härter.“ Darum sei er nach dem Doktorat auch zurückgekehrt. Täglich radle er über die Ringstraße zur WU und genieße die Schönheit und Lebensqualität Wiens. „Viel Grün und Kultur in greifbarer Nähe.“

 

Ein Quäntchen Ungehorsam

Wissenschaftlich sei Amerika natürlich Weltspitze, und auf den Austausch durch Auslandsaufenthalte könnte er nicht verzichten. Er profitiere heute noch vom dortigen Wissenschaftsverständnis. „Von meinen Doktorvätern habe ich gelernt, wie wichtig Eigenständigkeit, Beharrlichkeit und sogar ein Quäntchen Ungehorsam sind.“ Im hiesigen Uni-System sei es schwieriger, eigenen Ideen auch dann zu folgen, wenn rundherum Skepsis herrsche. „Dabei soll Forschung ja in Bereiche gehen, in denen andere noch nicht waren.“

ZUR PERSON

Armon Rezai (37) hat an der WU Wien Volkswirtschaftslehre studiert und 2009 an der New School for Social Research in New York, USA, promoviert. 2015 habilitierte er sich an der WU Wien. Seit 2011 ist er Gastforscher am IIASA (Laxenburg), seit 2014 External Research Associate an der Uni Oxford. Im Dezember trat er an der WU eine Professur für Sozioökonomie der Arbeit an.

Alle Beiträge unter: www.diepresse.com/jungeforschung

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.05.2019)

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