Gefahren der Digitalisierung

Viel ist von den Gefahren der Digitalisierung die Rede. Von den Chancen, mithilfe der Technologie unsere Gesellschaft besser aufzustellen, ist leider nur wenig zu hören.

Man staunte dieser Tage nicht schlecht, als George Orwells 1948 erschienener Klassiker „1984“ in den USA Nummer eins in den Bestsellerlisten wurde und sogar ausverkauft war! Der Auslöser war offenbar der Regierungswechsel und die Sorge um totalitäre Tendenzen, die an Orwells dystopische Wortschöpfungen wie „Neusprech“ und „Doppeldenk“ gemahnen. Doch das allein kann es wohl noch nicht gewesen sein. Denn es ist erst gut drei Jahre her, dass das Buch ebenfalls ein Bestseller war – und zwar nach der Snowden-Affäre rund um die Spionagetätigkeit von Geheimdiensten, die an den sprichwörtlichen „Big Brother“ erinnert(e).

Orwells „Teleschirm mit seinem immer offenen Ohr“ entspricht mit staunenswerter Akkuratesse dem modernen Smartphone – bei dem man nicht wissen kann, welche Daten an wen übermittelt und von wem ausgewertet werden. Bei ungenügendem Datenschutz ist Missbrauch Tür und Tor geöffnet. Andererseits sind viele Experten davon überzeugt, dass man mit einem gutwilligen Sammeln und Analysieren von Big Data viele Probleme der Welt lindern könne – indem man sie nutzt, um rationalere Entscheidungen hervorzubringen.

Gegen diesen Gedanken regt sich allerdings immer mehr Widerstand: Dieser Ansatz trage autoritäre Züge in sich, betonte der deutsche Star-Soziologe Dirk Helbing (ETH Zürich) diese Woche bei seinem Besuch im Complexity Science Hub in Wien. Überdies sei Big Data keine allwissende Kristallkugel: Denn zum einen würden die Datenmengen schneller wachsen als die Kapazitäten zu ihrer Auswertung. Und zum anderen könne man mit Daten aus der Vergangenheit zwar die aktuelle Situation optimieren, aber keine Lösungen und Ideen für die zukünftigen Themen finden.

Dennoch ist Helbing zuversichtlich, dass die fortschreitende Digitalisierung zum Nutzen der Menschheit eingesetzt werden könne – aber nur dann, wenn die Rahmenbedingungen geändert würden. Unter dem Schlagwort „Demokratie 2.0“ propagiert er die Einbindung möglichst vieler Menschen in Datenströme und in Entscheidungsfindungen. „Wir brauchen mehr Diversität“, ist der Forscher überzeugt: So seien die Chancen größer, Lösungen zu finden und die Gesellschaft insgesamt widerstandsfähiger (resilienter) zu machen.

In Zeiten, in denen fast ausschließlich von den Gefahren der Digitalisierung zu hören ist – und Orwells „1984“ daher Verkaufsrekorde aufstellt –, geben solche Gedanken neue Hoffnung!


Der Autor leitete das Forschungsressort der „Presse“ und ist Chefredakteur des „Universum Magazins“.

meinung@diepresse.com

diepresse.com/wortderwoche

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.02.2017)

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