Energiegewinnung mit nachwachsenden Rohstoffen

Fossile durch nachwachsende Rohstoffe ersetzen zu wollen ist ein hehres Ziel. Es ist aber bei unserem derzeitigen Umgang mit Ressourcen schlicht unmöglich.

Wie der Weltklimarat IPCC diese Woche betonte, sei ohne radikalere Gegenmaßnahmen eine Klimaerwärmung um mehr als 1,5 Grad nicht mehr zu verhindern. Um den Temperaturanstieg in erträglichen Grenzen zu halten, müsste der Einsatz fossiler Ressourcen (Kohle, Erdöl, Erdgas) bis zur Jahrhundertmitte auf nahe null gesenkt werden.

Die Internationale Energieagentur IEA stellte diese Woche in zwei Berichten klar, dass es dafür viel Potenzial gibt: Neben Solar- und Windenergie sei auch der Einsatz von Biomasse zur Energiegewinnung (Wärme, Strom, Treibstoffe) deutlich steigerbar, ohne dass dies negative Konsequenzen für Lebensmittelproduktion und Umwelt haben müsse. Dennoch helfen auch die großen derzeit ungenutzten Potenziale (etwa Reststoffe) nicht wirklich: Wenn der Energieverbrauch der Menschheit weiter steigt, wird der Anteil der Biomasse laut IEA trotzdem nicht größer, sondern eher kleiner werden.

Die Energiebereitstellung ist freilich nur ein Bereich, in dem fossile Rohstoffe eingesetzt werden: Knapp ein Zehntel des Erdöls und Erdgases dient auch als Rohstoff für die chemische Industrie – von Kunststoffen bis hin zu Medikamenten. Alle organischen Moleküle enthalten als Bausteine notwendigerweise Kohlenstoffatome, eine Dekarbonisierung der Materialien ist also unmöglich. Sehr wohl könnte der Kohlenstoff aber aus Biomasse anstatt aus fossilen Rohstoffen kommen; das würde an den Eigenschaften überhaupt nichts ändern. Die IEA hat nun eine Abschätzung der dafür nötigen Mengen versucht: Um die Materialwirtschaft komplett auf nachwachsende Ressourcen umzustellen, sei zumindest die Hälfte der gesamten globalen Biomassemenge, die nachhaltig produziert werden kann, nötig – ein Wert, der angesichts des steigenden Lebensmittelverbrauchs der wachsenden Menschheit völlig illusorisch ist.

Zusammengenommen stimmen die beiden Studien alles andere als optimistisch: In absehbarer Zeit ganz von Kohle, Erdöl und Erdgas wegzukommen, ist demnach ein bloßer Wunschtraum, der beim derzeitigen Energie- und Materialhunger der Menschheit nicht erreichbar ist. Dies würde nur dann möglich sein, wenn wir zum einen den Energieverbrauch drastisch einschränken (etwa durch eine deutliche Steigerung der Energieeffizienz) und zum anderen viel mehr Rohstoffe recyceln als heute; weltweit geschieht dies zurzeit bei nicht einmal einem Siebentel unserer Abfälle.

Der Autor leitete das Forschungsressort der „Presse“ und ist Chefredakteur des „Universum Magazins“.

meinung@diepresse.com

www.diepresse.com/wortderwoche

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.10.2018)

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