Vom Brunzen und vom Schlürfen

„Es gibt so viele Gründe, zu vergessen“: Achim Benning, zehn Jahre lang Burgtheaterdirektor, über Wiener Journalismus, Wiener Packelei, Wiener Politik und die vorsätzliche Wiener Amnesie. Ein Gespräch zum 75. Geburtstag.

In einer „autobiografischen Notiz“ schreiben Sie unter anderem: „Ich wollte nicht Schauspieler werden; ich wollte nicht Regisseur werden; ich wollte nicht Burgtheaterdirektor werden.“ Alles, was Sie nicht werden wollten, ist eingetreten. Kurz: ein verpfuschtes Leben.

Ja, in gewisser Weise ist alles schiefgegangen.

Im Ernst: Das ist doch eine Kavalkade der Koketterie.

Natürlich klingt das nach Koketterie und Interviewnummer. Aber als ich von der Schule abging, wollte ich mich der Literatur widmen, Lektor, Verlagswesen, das war mein Ziel, und meine Biografie ist mir irgendwie dazwischengekommen.

Angefangen mit dem Schauspieler, der Sie, so will's die von Ihnen ins Land gesetzte Fama, nur deshalb wurden, weil Sie einen Freund zur Aufnahmeprüfung im Reinhardt-Seminar begleiten wollten. Und ganz zufälligerweise hatten Sie auch ein bisschen was zwecks Vortrag vorbereitet – oder wie muss man sich das vorstellen?

Den St. Just aus „Dantons Tod“ konnte ich noch von Schulzeiten auswendig – und ich bin durch diese Aufnahmeprüfung gekommen, originellerweise ist der Freund, den ich nur begleiten sollte, durchgefallen. Der war später Verlagschef bei Langen Müller. Auf seine Art auch eine gescheiterte Existenz.

Apropos gescheiterte Existenzen: Wenn man sich die Jahrgangslisten der Reinhardt-Seminaristen anschaut – da gibt es beispielsweise in Ihrem Jahrgang einige wenige große Namen, Elisabeth Orth, Nikolaus Paryla, der weit überwiegende Teil Ihrer damaligen Kollegen ist allerdings heute völlig unbekannt.

Scheint offenbar etwas Wahres dran zu sein an dem alten Witz: Eine Mutter hatte zwei Söhne. Der eine ging zur See, der andere ans Reinhardt-Seminar – von beiden hat man nie wieder etwas gehört.

Werfen wir einen Blick auf die Anfänge Ihrer Biografie: geboren 1935 in Magdeburg, Schulabschluss 1955 in Braunschweig. Dazwischen lag Mitte der Fünfziger schon längst die Zonengrenze. Wie kamen Sie vom Osten Deutschlands in den Westen?

Wir haben bis 1947 in Stendal in der Altmark gelebt und sind dann vor Gründung der DDR über die grüne Grenze, da konnte man noch relativ einfach rüber, selbst wenn man von den Russen erwischt wurde, hieß es schlimmstenfalls Kartoffeln schälen, dann durfte man weitergehen; das war nicht so dramatisch wie später.

Hatte dieses Weggehen politische Gründe?

Mein Vater kam aus englischer Kriegsgefangenschaft, war Leutnant oder so etwas in der Wehrmacht gewesen, und die wurden in der Ostzone grundsätzlich eingelocht. Darauf hat er keine Lust gehabt. Er war Ingenieur bei der Bahn, fand also auch im Westen leicht Arbeit, das war die ganze Geschichte.
Ihr familiäres Umfeld war nicht unbedingt eines, in dem geisteswissenschaftliche Studien üblicherweise gezielt gefördert wurden. Wie kam Ihre Idee ins Spiel, sich mit Germanistik oder Philosophie zu beschäftigen?

Das hat sich entwickelt. Man lebt ja nicht nur in den eigenen vier Wänden. Mein Vater hielt es übrigens für ziemlich daneben, dass ich dann auch noch zum Theater gegangen bin, der hat in Braunschweig sein Theaterabonnement gekündigt, um nicht alle 14 Tage an die verfehlte Entscheidung seines Sohnes erinnert zu werden.

Ihr Studium der Philosophie, Germanistik und Geschichte haben Sie in München begonnen – und als Ort für die zwei erlaubten Auslandssemester ausgerechnet Wien gewählt. Wieso Wien? Das war doch damals universitär keineswegs eine auch nur halbwegs angesehene Destination.

Das lag an der Stadt. Ich kannte Österreich noch nicht, plötzlich bin ich draufgekommen, dass ein erheblicher Teil deutschsprachiger Literatur österreichische Literatur ist, und das hat mich interessiert. Wie furchtbar die Wiener Universität damals war, das wusste ich nicht. Für mich völlig unbegreiflich: dass die guten alten Nazis mit den frischen Remigranten herzinniglich zusammenarbeiteten. Die saßen gemeinsam in der Wiener Dramaturgie und hielten Händchen. Hans Niederführ, der schon 1938 die „Entjudung“ des Reinhardt-Seminars nach Berlin gemeldet hatte, der trat plötzlich als Urpriester von Reinhardt auf. Der Theaterwissenschaftler Heinz Kindermann, der über Reinhardt die fürchterlichsten Sachen von sich gegeben hatte, bei dem dissertierte der vormalige Reinhardt-Assistent und nachmalige Burgtheaterdirektor Ernst Haeusserman über Max Reinhardt. Das war für mich so was von exotisch, dass die überhaupt miteinander geredet haben nach dem, was da passiert war, das hab ich nicht kapiert.

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.01.2010)

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