Der Pott im Kopf

Ruhrgebiet. Wie das schon klingt. Der Pott. Das Revier. Qualmende Schlote. Dröhnende Hämmer. Freilich: Die Wirklichkeit sieht längst anders aus. „Ruhr.2010“: Besuch in der EU-Kulturhauptstadt.

Wenn das der alte Generalfeldmarschall wüsste. „Moltkestraße.“ Wie das schon klingt. Ein preußischer Feldherr, dem Deutschland ein Gutteil seiner Reichseinigung (und Österreich sein Königgrätz) verdankt. Und dann diese Straßenbahnansage vom Band: „Moltkestraße.“ Gesprochen von anonymer Frauenstimme, gehört aus knackenden Lautsprechern zwischen Fahrscheinentwertern, Notbremsen und dem sonstigen Allerwelts-Charme öffentlicher Verkehrsmittlerei, der so gar nicht zu dem ziemlich aufgeweckten Tonfall der Ansagerin passt. Im „Moltke“ mit einer Ahnung von Koketterie, die dann in der „Straße“ fast ins Laszive kippt. Eine „Moltkestraße“ mit verführerischem Augenaufschlag, wie ein geheimnisreiches Versprechen, das naturgemäß nicht eingelöst werden kann, schon gar nicht hier, mitten in einem Straßenbahnzug der Essener Verkehrs-AG.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.04.2010)

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