„Ich altes Möbel“

Volksschauspielerin Hilde Sochor über Freuden und Leiden des Alters, über spröde Rollen, ihren Sohn Paulus Manker und über die Wiener Seele. Ein Gespräch.

Hilde Sochor, Sie sind im Februar 86 Jahre alt geworden und immer noch sehr aktiv, planen viele Lesungen und auch wieder eine Bühnenrolle. Für wen tun Sie das? Für sich selber oder für das Publikum?
Sowohl als auch – als auch für den Direktor, der es gerne hätte. Ich bin so an Arbeit gewöhnt. Das ist das, was mich aufrecht hält.
Letzten Herbst konnte man Sie in dem Stück „Paradiso“ erleben. Lida Winiewicz hat da eine bemerkenswerte Rolle für Sie geschrieben. Sie zeigt den Verfall eines Menschen, der nicht unbedingt sympathisch ist.
Das ist eine Figur, die komisch anfängt und schockierend endet. Ich hatte bei den Proben größere Schwierigkeiten als später bei den Aufführungen, weil das alles so nah an mir dran ist – dass man möglicherweise im Rollstuhl sitzt oder ins Altersheim muss. Ich habe mich gewundert, dass die Lida Winiewicz, die ja ungefähr so alt ist wie ich, so was schreibt. Sie sagt, sie legt es dann weg. Ich kann es aber nicht weglegen. Es war schwer, diesen Text zu lernen und sich darauf einzulassen. Ich war dann aber so weit, dass ich den Standpunkt hatte: Das ist eine gute Rolle, und das bin nicht ich.
In „Paradiso“ heißt es: Eine der wenigen Freuden das Alters ist, dass man nicht mehr höflich sein muss. Es soll nicht zynisch klingen: Gibt es so etwas wie Freuden des Alters?
Na, da kenn ich wenige. Dass man, wenn man einen schönen Freundeskreis hat, die Hilfe kriegt, die man braucht. Und wenn man eine Familie hat, wie das bei mir der Fall ist, mit Enkeln, dass man die genießt. Dass ich nimmer Auto fahren kann, ist zum Beispiel keine Freude des Alters. Das fehlt mir sehr, weil ich immer jemanden brauch, der mich führt. Dieses Angewiesensein auf andere ist besonders unangenehm. Ich bin ja sonst gesund, nachdem ich vier Operationen gut überstanden hab, aber ich bin halt mit dem G'stell, mit den Beinen so schlecht beisammen. Das macht einen abhängig, auch ängstlich vor Stürzen. Natürlich ist es angenehm, wenn man nicht mehr so im Stress ist. Aber wenn einmal ein Tag ist mit keinem Programm, dann fühl ich mich überflüssig, langweilig, alt und verlassen.
Wie bleibt man geistig so fit, dass man noch einen ganzen Abend trägt, ohne Hänger?
Ich hab ja Hänger. Dass ich da (zeigt auf den Kopf) noch in Ordnung bin, das ist ein Geschenk Gottes. Ich üb das auch, ich mach Kreuzworträtsel und solche Sachen, da war ich früher richtig süchtig danach. Heute sind sie mir manchmal zu schwer. Aber nach den Operationen, haben meine Energie und meine Aktivität doch nachgelassen.
Sie sind eine der letzten großen Volksschauspielerinnen.
Werde so genannt, ja. Das Fernsehen macht einen populär. Sie können 20 Jahr Theater spielen, Hauptrollen spielen, erfolgreich sein, das is nix. Wenn Sie einen Abend im Fernsehen eine große Rolle spielen, san S' am nächsten Tag populär.
Da hat sich ein Klischee festgesetzt?
Ja, im Fernsehen schon. Dem kann ich gar nicht ausweichen. Natürlich macht man das, weil's ja meistens gute Rollen sind, und ich bin halt Komikerin. Aber da ist man sofort in einer Schublade drinnen. Da liegt's gar nicht daran, ob man sympathisch oder unsympathisch ist. Ich hab ja auch oft die Bissigen gespielt, oder ganz Widerliche, und gerade das war dann eben das Komische.
Man will Sie aber gern sympathisch sehen.
In der Hinsicht hab ich viel meinem Mann zu verdanken. Er hat sich getraut, mich am Volkstheater in „Frau Warrens Gewerbe“ einzusetzen, das war am Beginn der Ära Epp. Das ist eine sehr spröde Rolle, auch nicht sympathisch, eine Tochter, die ihre Mutter verachtet, weil sie Bordellbesitzerin ist. Da hatte ich natürlich Schwierigkeiten, und da ging eine Kollegin in die Direktion und hat gesagt: Die Sochor schafft's nicht, das muss wer anderer spielen. Aber mein Mann ist dazu gestanden. Das hat mir in diesem Fach den Durchbruch verschafft. Ich hab auch Misserfolge gehabt. Ich erinnere mich, beim „Kaukasischen Kreidekreis“ hat ein Kritiker geschrieben, es ist nicht der Kaukasus, über den ich schreite, sondern der Wienerberg. Den hat mein Bühnendeutsch nicht überzeugt.
Mit Ihrem Sohn Paulus Manker, der als schwierig gilt, verbindet Sie auch eine gute Arbeitsbeziehung.
Naja, ich hab ein einziges Mal mit ihm gearbeitet, das war „Weiningers Nacht“. Sehr gut. Nach seinem Vater hab ich keinen so guten Regisseur mehr gehabt. Er war wirklich wie Schlagobers, so lieb und so gut und sanft. Das erkennen die Leute auch und nehmen dann alles Mögliche hin. Nicht umsonst hat er so gute Schauspieler.
Ihr Sohn hat Ihnen anlässlich der Nestroy-Preis-Verleihung 2007 offiziell attestiert, dass Sie eine gute Mutter waren – und Sie haben sich davon überrascht gezeigt.
Ich hoffe, dass ich eine gute Mutter war. Ich hab mich halt immer teilen müssen, und ich hab immer ein bissel ein schlechtes Gewissen gegenüber meinen Kindern gehabt. Ich war ja noch jung. Wenn ich denk, wem ich meine Kinder anvertraut hab! Diese sogenannten Kindermädeln... Einmal hab ich eine aufgenommen, die wurde mir empfohlen von Freunden. Die hat einen Tag gearbeitet – und am nächsten Tag hat's a Kind kriegt, und ich hab das nicht bemerkt!
Sie wollten beides haben, Familie und Karriere.
Ja natürlich! Ich hätte aber eher das Theater aufgegeben als die Familie. Ich hab halt das große Glück gehabt, dass ich an einem Haus bleiben konnte – dadurch, dass mein Mann am Volkstheater Direktor wurde. Er hätte uns nicht verlassen wegen eines Angebots von auswärts. Ich konnte ja nicht einmal Gastspiele machen, durch die Kinder. So war ich halt immer am Volkstheater. Jetzt bin ich die Doyenne und bin a altes Möbel.
Wie schwierig war Ihre Position als Frau Direktor, die von ihrem Mann auch besetzt wurde?
Schwierig insofern, als ich schon lang am Haus war, seit 1949, und 1969 wurde er Direktor. Es gab genug, die gesagt haben, die spielt nur, weil S' die Frau vom Direktor ist. Und wenn ich einen Misserfolg hatte, hat's geheißen: Aber sie muss es spielen!
Bei Ihrem Debüt am Volkstheater war Hans Jaray Ihr Partner.
Der kam gerade aus der Emigration zurück. Und in der zweiten Produktion, „Schöne Helena“ von Offenbach, hab ich eine ganz kleine Rolle gespielt, und die Regie hat mein Mann gemacht. Damals hab ich mich in ihn verliebt. Ich war ein bissel rundlich und hab ein Kostüm gekriegt mit so einem Rockerl. Und ich war ganz gekränkt, weil er heraufgerufen hat: Wer hat denn die Sochor an'zogen? Die schaut ja aus wie a Meerschweindl.
Und wann hat er sich in Sie verliebt?
Das weiß ich nicht, er war ja gebunden, daher hat das noch lange gedauert.
Sie haben einen ziemlich weiten Weg zurückgelegt, um Schauspielerin zu werden.
Meine Eltern haben sich scheiden lassen, da war ich sechs Jahre alt. Ich hab dann mit meiner Mutter, meiner Schwester und meiner Großmutter gelebt, die hat die Vaterstelle vertreten. Es war das, was man eine gutbürgerliche Familie nennt. Wir haben Häuser gehabt. In Breitensee, wo wir gewohnt haben, haben die Leute gesagt, das ist das Kaiserhaus von Breitensee. Ich hab eine sehr schöne Kindheit gehabt, ich war kein armes Scheidungskind. Dafür hab ich meinen Vater viel zu wenig gekannt. Er war ja leider Trinker, deswegen ist er auch früh gestorben; da war ich 13.
Sie kommen also aus wohlhabenden Verhältnissen?
Meine Mutter war nicht wohlhabend. Ich hab sie später gefragt, warum sie nach der Scheidung keinen Beruf ergriffen hat. Hat sie gesagt: Das war in unseren Kreisen nicht gebräuchlich. So ging's uns dann gar nicht gut. Ich konnte studieren, meine Schwester nicht. Ich hab Theaterwissenschaft studiert und daneben Nachhilfestunden gegeben und Kasperltheater gespielt. Das Schauspielstudium musste ich mir selber zahlen.
Ihr Schauspiel-Lehrer war Leopold Rudolf?
Bei der Aufnahmsprüfung am Reinhardt-Seminar bin ich durchgefallen. Dann hat uns meine Freundin Lona Dubois ins Konservatorium Prayner in der Heumühlgasse geschleppt; Leopold Rudolf war dort Lehrer. Bei der Gewerkschaftsprüfung bin ich wieder durchgefallen, angeblich wegen schlechter Sprache. Und dann war ich so raffiniert, zum Kestranek zu gehen, er war Sprechlehrer am Seminar und auch in der Prüfungskommission. Da bin ich dann natürlich durchgekommen.
Sie waren offenbar ein konsequentes, selbstbewusstes junges Mädchen.
Nein, gar nicht. Jedes Mal wollt ich's aufgeben und hab mir gedacht, ich studier ja eh, vielleicht werd ich Kritikerin. Dann kam eine neue Direktion im Volkstheater, Paul Barnay, da hab ich ein Bewerbungsschreiben hingeschickt und wurde zu einem Vorsprechen geladen. Ich hab's scheinbar gut gemacht, einer hat ein paar Mal riesig gelacht; ich weiß jetzt, dass das mein Mann war. Später hab ich ihn gefragt: Wie war denn das, als du mich das erste Mal auf der Bühne gesehen hast, hat dich da gleich der Blitz durchzuckt? Und er hat g'sagt: Ich hab mir nur gedacht, des is eine irrsinnig komische Nudel.
Ihr Debüt haben Sie aber an den Kammerspielen gegeben?
Der Eigentümer war mit meinem Mann befreundet, er hat das Repertoire mit ihm gemacht. Ein Stück von Lernet-Holenia, „Parforce“, war mein Debüt; da ist eine glänzende Stubenmädel-Rolle drinnen. Da hat sich mein Mann an mich erinnert, hat mich ausgeforscht und gesagt: Warum haben Sie sich denn nie bei mir gemeldet? – Ich war ja so blöd. Ich hab gedacht, man geht auf der Straßen, es sieht einen ein Regisseur, und das ist es. Ich hab dann einen Riesenerfolg gehabt, wo es geheißen hat, die zweite Wessely und was weiß ich. Und der Barnay kam in die Premiere, und ich habe sofort einen Vertrag am Volkstheater bekommen. Der Manker hat ihn wohl aufmerksam gemacht.
Haben Sie das Gefühl, etwas versäumt zu haben, weil Sie Ihr ganzes Leben in Wien verbracht haben?
Ich war ja hier nicht eingesperrt. Mein Mannund ich haben herrliche Reisen gemacht. Aber Wien war immer mein Wohnsitz, ich würde nirgendwo anders leben wollen.
„Die Wiener Seele“, haben Sie einmal gesagt, „ist ein Kunstobjekt, das nur auf der Bühne leben kann.“
Da hab ich wahrscheinlich gemeint, das Klischee der Wiener Seele.
Haben Sie eine Wiener Seele?
No, was soll i sonst für eine haben! Aber zur Melancholie hab ich gar kein Talent. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.05.2010)

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