Der Mörder, der keiner war

28. Juni 1914: Kurz nach den Schüssen auf Österreichs Thronfolger Franz Ferdinand wird der Attentäter Gavrilo Princip festgenommen. Das angebliche Foto der Verhaftung ist eine Ikone des 20. Jahrhunderts. Doch wer ist wirklich auf dem Bild zu sehen? Eine Recherche.

Vor über 30 Jahren, es muss im Frühjahr 1980 gewesen sein, besuchte ich zum ersten Mal Wien. Es war eine Klassenfahrt, die „Wien-Woche“, die uns Südtiroler Gymnasiasten die österreichische Bundeshauptstadt in kultureller Hinsicht näherbringen sollte. Was ich damals in Wien erlebte, ich weiß es nicht mehr. Nur ein paar wenige nebensächliche Details habe ich in Erinnerung behalten: dass wir jeden Tage auf einer mir ewig lang erscheinenden Fahrt mit der 49er-Straßenbahn von Hütteldorf ins Zentrum ruckelten und abends wieder zurück. Dass sich zwei verliebte Mitschüler, sooft sie konnten, in dunkle Ecken zurückgezogen haben. Und an noch etwas erinnere ich mich ganz genau: an eine Szene im Heeresgeschichtlichen Museum. Wir Schüler versammelten uns um die Uniformjacke des österreichischen Erzherzogs Franz Ferdinand, die ausgebreitet in einer Vitrine lag. Stichwort: Sarajewo, Erster Weltkrieg. Ich sehe ihn noch heute vor mir, den auf Brusthöhe zerfetzten Stoff und darauf die nachgedunkelten Blutflecken. Und noch immer habe ich die pathetischen Sätze unseres Museumsführers im Ohr: „Zwei Schüsse, zwei Tote, dann gab es Millionen Tote.“ Sätze, die er wohl zigmal vorgetragen hat.

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.06.2012)

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