Doping-Prozess: Freispruch für Dinko Jukić

Der Schwimmer verletzte bei einer Dopingkontrolle vor fünf Monaten im Wiener Stadionbad zwar zwei Vorschriften, ihn traf aber keine Schuld.

FORTSETZUNG DER NADA-VERHANDLUNG GEGEN DINKO JUKIC
FORTSETZUNG DER NADA-VERHANDLUNG GEGEN DINKO JUKIC
Jukic vor Verhandlungsbeginn – (c) APA/GEORG HOCHMUTH (Georg Hochmuth)

[Wien] Am Ende saßen alle zufrieden um den großen Tisch. Schwimmer Dinko Jukić mit Anwalt und Verbandspräsident. Die Vertreter der Anti-Doping-Agentur Nada und die Mitglieder der Nada-Rechtskommission. Alle im Anzug. Nur Nada-Chef Andreas Schwab in Hose und Polo-Shirt.

Während der sechsstündigen Verhandlungen im Nada-Büro war offenbar nicht gelüftet worden. Entsprechend verbraucht war die Luft. Dennoch wirkte die Szene beinahe feierlich, als Gernot Schaar in umständlichen Sätzen erklärte, dass Jukić freigesprchen wird. Der 22-Jährige habe bei der Dopingkontrolle am 24. Mai zwar gegen zwei Anti-Doping-Bestimmungen verstoßen, erklärte der Vorsitzende der Nada-Rechtskommission. Der Schwimmer sei mangels Verschulden aber nicht zu bestrafen, begründete Schaar den Freispruch gegenüber den Herren am Tisch, den sechs Journalisten und den drei Kamerateams des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, die zum Teil seit dem Vormittag vor dem Nada-Büro am Rennweg ausgeharrt hatten.

"Der Goldfisch schwimmt weiter"

Nachdem er den engen Besprechungsraum verlassen hatte, meinte Jukić ungewohnt wortkarg: Er sei immer sicher gewesen, unschuldig zu sein. Deshalb habe er seit Mai das Training auch nie unterbrochen. Anwalt Ralf Mössler versuchte sich als Dolmetscher von Jukić' Gefühlslage. Weit ausführlicher als sein Mandant sprach er von großer Erleichterung und einem erwarteten Urteil. Und er fasste zusammen: „Der Goldfisch schwimmt weiter."
Nicht nur Jukić, sondern auch seine drei Kollegen aus der OSV-Kraulstaffel hatten dem Urteil entgegengefiebert: Denn für das Trio stand mit dem Verfahren die gemeinsame Olympia-Teilnahme 2012 in London auf dem Spiel. Bei einem Schuldspruch wäre das Staffel-Limit, das Jukić und Co bei der WM in Shanghai im Juli erreicht hatten, ungültig gewesen. Ohne Sperre steht dem Olympiastart der Schwimmverbands-Auswahl nichts im Wege. Zudem kann sich Jukić nun wieder voll auf die Titelverteidigung über 200 Meter Delfin bei der Kurzbahn-EM im Dezember in Polen konzentrieren.

Sportler und Kontrollor uneinig

Die Doping-Causa Dinko Jukić hatte auf den Tag genau fünf Monate vor dem gestrigen Urteil ihren Ausgang genommen. Beim Training im Wiener Stadionbad war Jukić von einem Nada-Kontrollteam besucht wurden, um sowohl eine Blut- als auch eine Harnprobe zu nehmen. Dabei waren sich der Sportler und die Kontrollore uneinig über den Zeitpunkt des Tests: Jukić wollte zunächst eine Schwimmeinheit absolvieren und erst dann die Harnprobe abgeben. Den Bluttest verweigerte er wegen angeblicher Hygienemängel im Bad. Die Kontrollore erlaubten zunächst die Trainingseinheit im Wasser, ahndeten das Verhalten aber später als mangelnde Kooperation, zeigten Jukić an und brachten den Fall ins Rollen.
Die Nada-Rechtskommission kam Montagnachmittag zur Ansicht, dass Jukić im Mai das Zeitfenster für die Dopingkontrolle rechtswidrig verstreichen habe lassen. Sanktionen sind nach den Anti-Doping-Vorschriften aber erst dann vorgesehen, wenn Zeitfenster dreimal innerhalb von 18 Monaten missachtet werden.

Schaar und die Kommission warfen Jukić aber auch ein zweites Vergehen vor: Er habe nicht in der Art und Weise an der Kontrolle mitgewirkt, wie es die Bestimmungen verlangen. Doch auch in diesem Zusammenhang sei Jukić im Zweifel freizusprechen, formulierte Schaar. Es habe zwar ein Verstoß vorgelegen. Doch „durch das nachherige Verhalten des Kontrollors" sei dem Beschuldigten nicht „in der erforderlichen Klarheit und Deutlichkeit" bewusst gewesen, wie der Test abzulaufen habe. Was Schaar in komplizierten Worten ausdrückt, heißt übersetzt: Auch das Kontrollteam hat nicht alles richtig gemacht.
Am Ende, so hatte es im Nada-Büro den Anschein - war alles nicht mehr als ein Missverständnis zwischen Sportler und Kontrolloren: Schuld daran sei eine Lücke im Regelwerk, hieß es aus der Rechtskommission. Den Kontrolloren sei nicht klar gewesen, dass das Ziehen von Blut- und Urinprobe als ein Testvorgang zu sehen sind und nicht durch Training unterbrochen werden dürfen.

Feilen an der Gesetzesänderung

Doping-Experte Karlheinz Demel meinte im Gespräch mit der „Presse", dass seit dem Jahr 2009 an einer entsprechenden Gesetzesänderung gefeilt werde. Bislang aber ohne Erfolg.

Übrigens: Jukić und der Schwimmverband kündigten wenig überraschend an, kein Rechtsmittel einzulegen. Auch Nada-Chef Andreas Schwab meinte spontan, dass er auf ein Rechtsmittel verzichten möchte. Er sagte das ganz hemdsärmelig, bevor das Urteil schriftlich ergangen war.

Kommentar zu Artikel:

Doping-Prozess: Freispruch für Dinko Jukić

Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.

Meistgelesen