Frauenfußball: "Uns kennt man eher aus dem Playboy"

Skispringerin Daniela Iraschko steht nicht nur auf Schanzen, sondern auch im Fußballtor ihre Frau. Die Torhüterin von Wacker Innsbruck glaubt an eine Zukunft des Frauenfußballs ohne Vorurteile.

(c) GEPA pictures (GEPA pictures/ Amir Beganovic)

Am 9. Juni treffen Sie im ÖFB-Ladies-Cup-Finale auf Serienmeister Neulengbach. Bislang konnte noch kein Duell gewonnen werden. Wie geht man in so ein Spiel?

Daniela Iraschko: Wir wollen eine bessere Leistung als bei der letzten Niederlage (0:5, Anm.) zeigen. Da haben wir ziemlich alles falsch gemacht, was man gegen Neulengbach falsch machen kann. Wir sind viel zu tief gestanden und haben uns nach vorn nichts getraut. Wir können auf jeden Fall mehr, auch wenn wir natürlich Spielglück benötigen. Wir sind die klaren Außenseiter, das ist unsere große Chance.

Neulengbach ist zum zehnten Mal in Folge Meister. Was sagt das über den österreichischen Frauenfußball aus?

Neulengbach ist national sicher die Hochburg. Sie spielen international, können dadurch mehr Erfahrung sammeln und verfügen über eine gute Nachwuchsarbeit. Die besten Spielerinnen gehen dorthin, da es in Österreich die einzige Chance ist, mit Fußball weiterzukommen. Nicht zuletzt verfügen sie natürlich über das größte Budget. Andere Mannschaften haben dieses Geld nicht, das ist ihr größter Vorteil. Sie sind sicher zwei bis drei Klassen besser als der Rest, das gilt es für die anderen Vereine durch gute Nachwuchsarbeit aufzuholen. Insgesamt aber hat sich das Niveau in den letzten Jahren deutlich verbessert, abgesehen von Neulengbach kann in der Bundesliga jeder jeden schlagen.

International scheiterte Neulengbach dennoch zuletzt stets im Achtelfinale. Was fehlt im internationalen Vergleich?

Wahrscheinlich machen sie den gleichen Fehler wie wir, wenn wir gegen sie spielen: Zu viel Respekt. In Spielen gegen Neulengbach glaubst du ja teilweise, wir hätten das Fußballspielen verlernt. Außerdem ist der Erwartungsdruck an Neulengbach irrsinnig hoch. Sie müssen international etwas zeigen, werden in der heimischen Liga aber kaum gefordert, denn da reichen ihnen zwanzig gute Minuten, um 3:0 zu führen. Ich bin mir sicher: In Deutschland musst du in jedem Spiel 90Minuten lang vollen Einsatz bringen.

Im Gegensatz zum Herren-Nationalteam lebt die EM-Chance für die Damen noch. Warum ist das öffentliche Interesse dennoch so gering?

Man darf nicht vergessen, dass es sich um eine junge Sportart handelt. Durch die WM 2011 in Deutschland ist es bereits viel besser geworden, aber viele Leute denken bei Frauenfußball wohl immer noch an „Nudltruppn“, obwohl sie noch nie ein Damenspiel gesehen haben. Beim Nationalteam liegt die geringe Medienpräsenz auch am ÖFB, denn trotz der guten Ergebnisse der Damen stehen die Männer im Vordergrund. Ein weiterer Aspekt ist sicher, dass Frauenvereine vom Namen her sehr unbekannt sind. Wacker Innsbruck ist die einzige Bundesligamannschaft, die ein Frauenteam in der höchsten Spielklasse hat. Gerade im Zuschauerbereich profitieren wir enorm, denn eingeschweißte Wacker-Fans kommen auch zu uns. Auf der Homepage werden unsere Ergebnisse neben jenen der Herren publiziert, wodurch es viel mehr Leute lesen. Schade, dass die Idee der Frauensparten der Bundesligaklubs im Sand verlaufen ist, das würde viel bewirken.

Im Zuge der WM wurde mit der deutschen Nationalspielerin Fatmire Bajramaj eine Medienkampagne aufgezogen, in der auch ihr Äußeres stark im Mittelpunkt stand. Müssen sich Frauen anders als Männer vermarkten?

Das ist leider ein negativer Beigeschmack. Viele Männer kennen berühmte Fußballerinnen wahrscheinlich eher aus dem Playboy als vom Fußballplatz. Bei den Herren musst du einfach nur gut spielen, das Äußere ist nicht so wichtig. Bei Frauen wird viel mehr Wert darauf gelegt, obgleich das beim Fußball im Gegensatz zu anderen Sportarten noch etwas geringer ist.

Wie würden Sie das Image des Frauenfußballs im Jahr 2012 beschreiben?

Heutzutage ist er auf jeden Fall schon akzeptiert. Durch die WM haben auch viele Männer mitbekommen, dass wir richtig gut spielen können. Hier in Tirol gibt es mittlerweile in fast jedem Dorf ein Damenteam und durch die Akademie in St. Pölten wird sich der Frauenfußball in Österreich noch weiter entwickeln. In den nächsten Jahren kann Österreich im Frauenbereich an die internationale Spitze vorstoßen. Das wird bei den Herren auch in 20 Jahren nicht der Fall sein, dazu muss man kein Hellseher sein. Natürlich ist aktuell bei den Damen die Konkurrenz geringer und die Leistungsdichte niedriger, aber genau diese Chance sollte der ÖFB ergreifen. In Zukunft wird es den Leuten hoffentlich egal sein, ob ein Frauen- oder Herrenteam den Erfolg bringt. So groß ist der Unterschied in der Spielanlage nicht, zumindest im Hinblick auf die Technik. Männer sind athletischer und hohe Seitenwechsel wird man bei uns seltener sehen, aber dafür wird mehr herausgespielt als nach vorn gedroschen. Ein paar Jahre wird es noch dauern, da viele Bundesligaspielerinnen sehr jung sind. Dafür gehören sie der Generation an, die bereits ihr ganzes Leben lang Fußball spielt und dementsprechend gut ausgebildet ist.

Haben Sie persönlich schon abfällige Bemerkungen über Frauenfußball gehört?

Eigentlich nicht. Mein Umfeld setzt sich aber aus vielen Sportlern zusammen, da ist der Zugang ein anderer. Selbst wenn sie noch kein Spiel gesehen haben, haben sie Respekt. Aber genau weiß ich es nicht, schließlich gehe ich nicht durch die Stadt und frage die Leute, was sie davon halten. Ich habe aber schon ein paarmal mitbekommen, dass Leute, die zum ersten Mal ein Frauenspiel gesehen haben, hellauf begeistert waren. Wahrscheinlich hatten sie eine komplett falsche Vorstellung davon. Aber diese Vorurteile bestehen auch bei den Schiedsrichtern, gerade in den unteren Ligen. Da wird oftmals jeder Zweikampf abgepfiffen, weil sie sich vermutlich denken: Das sind Frauen, die dürfen nicht mit Körperkontakt spielen.

Gehen Frauen und Männer unterschiedlich an Leistungssport heran?

Im Einzelsport und als Person herrscht sicher ein ähnlicher Zugang, da wie dort gibt es den „Beißer“ oder den „Talentierten“. Ich glaube aber schon, dass es Unterschiede zwischen Herren- und Frauenteams gibt. Männer können die persönliche Ebene besser ausblenden.

Im Fußball sind die Trainer meistens Männer, wäre es mit Frauen anders?

Das denke ich nicht, das Training wäre dasselbe. Es muss einfach der nötige Respekt herrschen. Gerade weil es so eine junge Sportart ist, wäre es für eine Trainerin wahrscheinlich schwieriger, weil sie womöglich mit einigen Spielerinnen jahrelang zusammen gespielt hätte und dadurch die Kritik anders ausfallen und aufnehmen würde.

Bekannt sind Sie vor allem aufgrund ihrer Erfolge im Skispringen. Die meisten Siege im Continental–Cup, als erste Frau die 200 Meter gesprungen, 2011 Weltmeisterin. Wie fühlt man sich als Pionierin?

Das Gefühl, die Entwicklung der eigenen Sportart noch während der aktiven Karriere mitzuerleben, ist etwas ganz Besonderes. Ich bin stolz, durch meine Leistungen dazu beigetragen zu haben, dass 2014 erstmals olympische Medaillen vergeben werden – das hätte ich mir zwischenzeitlich nicht erträumt.

Haben Sie dadurch auch eine Vorbildrolle für die Jugend?

Mir schreiben viele, dass sie es toll finden, was ich leiste. Insofern nimmt man eine Vorbildrolle ein und hat sich in der Öffentlichkeit entsprechend zu verhalten. Im Sommer erkennt mich ohne pink gefärbte Haare glücklicherweise niemand auf der Straße, und ich kann mich frei bewegen. Öffentliche Auftritte gehören zum Job, aber ich bin froh, wenn ich im Sommer meine Ski wegstelle und ein freies Leben habe.

Sie stehen offen zu Ihrer Homosexualität wie andere Sportlerinnen auch. Warum ist das im Männerbereich noch ein Tabuthema?

Gerade im Fußball ist es heikel, schließlich ist ausgerechnet „schwule Sau“ ein sehr beliebtes Schimpfwort unter Fans. Würde sich ein Spieler outen, würde wahrscheinlich jeder Fehler daran festgemacht werden. Insofern würde ich es als Mann mit Sicherheit niemandem sagen. Das liegt aber auch am öffentlich vermittelten Bild von Homosexualität. Zwei schmusende Frauen werden als geil und toll dargestellt, umgekehrt ist das jedoch nicht der Fall.

Wie stellen Sie sich das Leben nach der aktiven Karriere vor?

Nicht so schön wie jetzt. Ich hatte das Glück, mit meinem Hobby Geld zu verdienen. Leider kann ich in den paar Jahren nicht so viel verdienen, dass ich ausgesorgt hätte. Neben meiner Tätigkeit bei der Polizei möchte ich die Trainerausbildung im Fußball und Skispringen machen und auf diese Art meine Erfahrungen weitergeben.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.05.2012)

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