Ein Turnier der unerfüllten Hoffnungen

Für Österreich ging die Europameisterschaft schon nach drei Spielen zu Ende, das 1:2 gegen Island begrub sämtliche Aufstiegshoffnungen.

(c) APA/AFP/KENZO TRIBOUILLARD (KENZO TRIBOUILLARD)

Der Traum der österreichischen Nationalmannschaft, bei der Europameisterschaft in Frankreich das Achtelfinale zu erreichen, ist Mittwochabend in Paris jäh geplatzt. Die ÖFB-Equipe hätte im letzten Gruppenspiel gegen Island unbedingt einen Sieg benötigt, unterlag stattdessen aber mit 1:2 und belegte damit in Gruppe F den letzten Platz. Nur ein schwacher Trost war das erste österreichische Tor des Turniers durch Alessandro Schöpf zum zwischenzeitlichen 1:1.

In Sachen Aufstellung war auf Marcel Koller in den vergangenen viereinhalb Jahren eigentlich immer Verlass. Der Schweizer hatte nach seinem Amtsantritt bald seine Lieblings-Elf gefunden, vertraute dieser blind, auch die Positionen waren fest bezogen. Doch just bei der Europameisterschaft überraschte Koller alle. Im Entscheidungsspiel gegen Island schickte der 55-Jährige eine Mannschaft auf den Rasen, die in dieser Formation noch nie zuvor zusammen gespielt hatte.

Alaba agierte ähnlich wie gegen Portugal im offensiven Zentrum, wurde von Arnautovic und Sabitzer flankiert, wobei Ersterer immer wieder an vorderster Front sein Glück suchte. In der Verteidigung fanden sich mit Hinteregger, Prödl und Dragovic gleich drei gelernte Innenverteidiger wieder, sie bildeten eine Dreierabwehr. Das System variierte zwischen 3-5-2 und 3-4-3. Für Janko, Harnik und Schöpf war vorerst kein Platz.

Islands Teamchef Lars Lagerbäck verfolgte eine andere Taktik. Er schickte auch im dritten Spiel die gleiche Mannschaft in die Schlacht und vertraute auf sein kompaktes 4-4-2-System.

Bittere Parallele

Die Kulisse im Stade de France war beeindruckend. Rund 35.000 Österreicher hatten den Weg hierher gefunden, der Aufmarsch glich einer Völkerwanderung. Auch die Isländer waren zahlreich erschienen. Dass aber jeder Zehnte Insulaner hier in Saint-Denis zugegen sein würde, war dann doch eine kühne Prognose. Österreichische Fußballer haben übrigens keine guten Erinnerungen an dieses schmucke Stadion, in dem am 10. Juli das EM-Finale ausgetragen wird. Fast auf den Tag genau vor 18 Jahren, am 23. Juni 1998, hatte das Team von Herbert Prohaska an Ort und Stelle mit 1:2 gegen Italien verloren – die WM war damit vorbei. Eine bittere Parallele.

Das ÖFB-Team schöpfte vor Anpfiff freilich dennoch Hoffnung. Es klammerte sich dabei an einen Strohhalm, denn die ersten beiden Gruppenspiele versprachen nicht viel. Die Zuversicht der Koller-Elf hätte früh gelitten, wäre der Gewaltschuss von Gudmundsson in der zweiten Minute anstatt an der Latte im Tor gelandet. Der Treffer von Bödvarsson (18.) öffnete den Isländern die Tür zum Achtelfinale weit, sie zogen sich fortan zurück.

Österreichs Spiel wirkte wieder einmal zerfahren, die Laufwege nicht abgestimmt. Den ersten Schuss gab Arnautovic in der 29. Minute ab. Dann die 37. Minute: Foul an Alaba im Strafraum, Elfmeter. Hoffnung, gefolgt von Fassungslosigkeit. Dragovic hatte den Ball an die Stange gesetzt. Ivica Vastic (aus einem Elfmeter gegen Polen) blieb zu diesem Zeitpunkt weiterhin der einzige ÖFB-EM-Torschütze.

Österreich stand zur Pause also endgültig mit dem Rücken zur Wand. Das drohende Aus war nur noch 45 Minuten entfernt. Doch genau diese Momentaufnahme schien etwas zu bewirken. Die ÖFB-Kicker kamen wie ausgewechselt aus der Kabine, teilweise waren sie das auch. Koller hatte Janko und Schöpf ins Spiel gebracht – eine gute Idee.

Österreich spielt Fußball

Man hatte nun ganz offensichtlich ohnehin nichts mehr zu verlieren. Plötzlich sah man gelungene Pässe, großen Kampfgeist, Abschlüsse: Der Glaube an sich selbst schien wie durch ein Wunder zurückgekehrt. Alaba hatte den Ausgleich am Fuß, ?rnason rettete vor der Linie (47.). Österreich diktierte nun das Spiel und kam durch eine fantastische Einzelaktion von Schöpf zum 1:1-Ausgleich (60.).

Im Stade de France brach riesiger Jubel aus, nur der isländische Anhang war für einen kurzen Moment still. Almer hielt das Spiel mit einer Parade weiter offen (55.), Janko (69.), Schöpf (72.) und Alaba (80.) fanden Chancen auf den zweiten Treffer vor. Österreichs Nationalmannschaft hätte sich den Sieg verdient, er gelang aber nicht. Stattdessen traf Island im Konter durch Traustason noch zum 2:1 (94.). Man war in diesem Turnier viel zu spät zum Leben erwacht.

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