Gastgeber Schweiz: Verkettung unglücklicher Umstände

Die Schweiz purzelte nach nur 180 Minuten aus der Euro. Sentimentaler Abschied von Teamchef Kuhn.

(c) Reuters

BASEL. Köbi Kuhn schlug entsetzt beide Hände vors Gesicht. Wie versteinert saß der 64-jährige Mann in den letzten zwei Minuten der Nachspielzeit auf der Bank. Auf der Pressekonferenz hatte der Schweizer Trainer der „Nati“ zumindest äußerlich seine Fassung wiedergewonnen. Mit bitterer Ironie kommentierte Kuhn die unglückliche 1:2-Niederlage gegen die Türkei in der 92. Minute und den Untergang des eidgenössischen Gastgebers bei seiner Euro in der „Wasserball-Schlacht“ von Basel: „Die Schweiz wird wahrscheinlich bestehen bleiben, trotz unseres Ausscheidens...“


Das ist die Härte des Fußballs

Schweiz ist raus, Portugal durch. Das letzte Spiel am Sonntag gegen die voraussichtliche zweite „Selecao“ Felipe Scolaris – wieder im St. Jakob-Park – gewinnt allenfalls durch den sentimentalen Abschied vom populären und so sympathischen Jakob „Köbi“ Kuhn noch etwas an Bedeutung. Dann kommt Ottmar Hitzfeld. Alles andere zählt für Österreichs Euro-Partner nicht mehr. Das ist die Härte des Fußballs.

Nach Kuhns Einschätzung ist die „Nati“ vor allem an ihrer schwachen Chancenauswertung gescheitert. „Wir haben nicht die notwendigen Tore geschossen. Wir hatten zu wenig Effizienz vor dem Tor.“ Ansonsten war der 64-Jährige mit den beiden Darbietungen seiner Truppe zufrieden. „Die Mannschaft hat hart gearbeitet, ihre Leistungen waren sehr befriedigend. Wir waren nicht sehr weit von unserem Maximum entfernt. Wir haben gegen Mannschaften, die zu den besten der Welt zählen, auf Augenhöhe mitgespielt. Aber letztlich zählen die Resultate.“

Von der Spielstärke habe man sich etwa bei den Leistungen während der WM 2006 eingependelt. Damals hatten die Schweizer das Achtelfinale erreicht und waren dort an der Ukraine im Elferschießen gescheitert. „Eine Gruppenphase bei der EM ist sicher schwerer zu überstehen als bei einer WM.“


Ein Team mit großem Wert

Das absehbare Ende seiner Teamchef-Ära beschäftigt Kuhn noch nicht. „Jetzt will ich nicht zurück, sondern nach vorne schauen.“ Später plauderte er doch ein wenig drauflos. „Ich habe sehr viel Schönes erlebt und möchte Danke sagen. Es war eine wunderschöne Zeit. Jetzt werde ich mich dann zurücklehnen und schauen, wie es die anderen machen. Auch auf das freue ich mich. Ich übergebe Hitzfeld ein Team mit großem Wert. Ein Team, das sich auch noch verbessern kann.“

Bei einem 1:1 hätte es noch einen dramatischen Endkampf um den zweiten Platz gegeben. Doch statt das 1:1 zu sichern, gaben die Schweizer in der Nachspielzeit den Raum frei für einen Konter. Arda Turan (21) vom Meister Galatasaray stand mutterseelenallein auf Linksaußen, er stürmte Richtung Strafraum, wo ihm weder Lichtsteiner noch Behrami oder Müller energisch entgegentraten. Von der Strafraumgrenze schoss Turan die Schweiz aus dem Turnier. Valon Behrami klagte über den „Mangel an Erfahrung“ in dieser Szene. Aber ein taktisches Foul blieb aus, die Schweizer waren zu brav – auch Gastgeber haben auf dem Rasen nichts zu verschenken.

Es war schon ein Kreuz mit den Türken, auch mit den Schweizern. Derdiyok und Yakin waren nur durch die Verletzungen von Frei und Streller als Ersatz-Türken in den Nati-Sturm gerückt und brachten das zweite Tor gegen ihre Brüder vom Bosporus nicht zustande.

Schweizer Tristesse und Schweizer Triumph – wie paradox – begegneten sich nachts im Stau auf den Basler Straßen und in den überfüllten Zügen in alle Richtungen. Autos mit Schweizer Kennzeichen und roten Fahnen fuhren hupend durch die Stadt, mit dem weißen Halbmond anstelle des weißen Kreuzes auf rotem Tuch. Sie sprechen Schwiizerdütsch und brüllten „Türkiye“.


Die Zerrissenheit eines Landes

„Der Bund“, Traditionszeitung aus Bern, dokumentierte mit dem Titelfoto die skurrile Fußball-Zerissenheit des Landes: Ein Spieler im roten Trikot kniet vornübergebeugt nieder und vergräbt sein Gesicht und seine Tränen im grünen Rasen. Die 12 und Derdiyok stehen auf dem Rücken. Das weiße Schweizer Kreuz auf der Brust sieht man nicht. Das Datum auf der Titelseite: 12. Juni 2008. Der Geburtstag des jüngsten Spielers der EM. Eren Derdiyok wurde an diesem Tag vor zwanzig Jahren in Basel geboren, als Sohn kurdischer Eltern.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.06.2008)

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