Debatte: Wer das Gras wirklich wachsen hört

Zu trocken, zu hoch, zu langsam – Spanien mokierte sich über den zu Rasen im Danziger Stadion, Italien verlor über die 30 Millimeter hohen Halme hingegen kein Wort. Ein Rasenhersteller klärt auf.

Symbolbild
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(c) EPA (KAMIL KRZACZYNSKI)

Danzig/Wien. Es war das bislang beste Spiel dieser Europameisterschaft. Spanien überzeugte mit seinem Kurzpassspiel, seiner Präzision. Italien zeigte Einsatz und beschränkte sich nicht nur darauf, wie immer nur ein Tor zu schießen und dann auf die Defensive zu setzen. Die Partie offenbarte auch weitere, neue Zugänge. Spanien startete ja sogar ohne Stürmer. Dass ein Remis, ein 1:1, positiven Gesprächsstoff liefert, zeigt, dass nicht immer nur Tore das Kriterium im Fußball sind.

Für Aufsehen sorgte in diesem Fall auch die sonst mit Plattitüden gespickte und somit getrost zu vernachlässigende Nachbetrachtung. Denn nicht der Referee oder das Schauspiel des Gegners wurde von Spaniens Teamchef Vicente Del Bosque kritisiert, sondern der Platzwart und der Rasen. „Es ist schade, dass das Gras so trocken war. Das hat dem Fußball und den Fans nichts Gutes getan.“

Polen sparte beim Rasen

Zu trocken, zu hoch, zu langsam – der Rasen in Polen steht in der Kritik. Dabei ist doch alles punktgenau im Uefa-Reglement geregelt. Die Halme dürfen maximal 30 Millimeter hoch sein. Sind sie höher, wird angeblich der Rollwiderstand zu groß. So ein Fertigrasen wird oft über drei Jahre lang für ein Event gezüchtet, muss extrem reißfest und dicht gewachsen sein. Manche Trainer kontrollieren das Terrain auch ganz penibel. Ob allerdings ein Geodreieck zur Standardausrüstung der spanischen Trainer gehört, bleibt unbeantwortet.

Aus der Ukraine gab es bislang keinerlei Beschwerden über die Spielbeläge, berichtet die niederösterreichische Firma „Richter Rasen“ nicht ganz ohne Stolz. Das Unternehmen aus Deutsch Brodersdorf im Bezirk Baden lieferte nämlich das Grün für die Stadien in Kiew, Donezk und Lemberg. Polen soll sich, aus Kostengründen, gegen den Rasen aus Österreich entschieden haben. „Die Uefa hat die Vergabe in Polen freigestellt“, sagt Firmenchef Alexander Richter. „Vielleicht bereuen sie das jetzt.“

In Danzig liegt ein niederländisches Konkurrenzprodukt, das laut Richter tatsächlich zur Trockenheit tendiere. Es könne nicht viel Wasser aufnehmen und laufe beim Gießen stets schnell Gefahr, „sumpfig“ zu werden. Darum wurde das Spielfeld vor dem Anstoß nicht gesprenkelt. Sehr zum Leidwesen von Spaniens Spielmacher Xavi. Er beharrte regelrecht darauf: „Man muss einen Platz doch gießen, um guten Fußball zu sehen! Es ist eine Schande, dass wir auf so einem Platz spielen mussten.“

Profifußballer sind also gewissermaßen auch Hobbygärtner. Spaniens Verband erwägt sogar einen Protest bei der Uefa. Den Italienern kam übrigens wegen der Halme kein einziges böses Wort über die Lippen . . .

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