Der Geist der Erfolgsgeschichte

Die glorreiche EM-Premiere der ÖFB-Frauen ist mit Platz drei zu Ende gegangen, sie hat Interesse geweckt und Fragen aufgeworfen. In Zukunft sind neben dem Verband auch die neu gewonnenen Fans gefragt.

Aufmerksamkeit und Fanzuspruch waren für die Nationalspielerinnen eine neue Erfahrung und sollen sie auch künftig zu Erfolgen begleiten.
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Aufmerksamkeit und Fanzuspruch waren für die Nationalspielerinnen eine neue Erfahrung und sollen sie auch künftig zu Erfolgen begleiten.
Aufmerksamkeit und Fanzuspruch waren für die Nationalspielerinnen eine neue Erfahrung und sollen sie auch künftig zu Erfolgen begleiten. – (c) GEPA pictures / Florian Ertl

Für das österreichische Frauen-Fußballnationalteam ist die Reise bei der allerersten EM-Endrunde im Halbfinale zu Ende gegangen, das Endspiel am Sonntag gewann Gastgeber Niederlande gegen Dänemark mit 4:2. Den ÖFB-Spielerinnen bleiben von der EM-Premiere Platz drei und viele unvergessliche Momente, den heimischen Sportfans womöglich ein paar graue Haare und blanke Nerven sowie die Erkenntnis, dass ein Erfolgstraum auch abseits bekannter Pfade ansteckend ist. Die „Presse am Sonntag“ bewies Weitblick, als sie die ÖFB-Frauen schon vor Turnierbeginn auf das Cover rückte, was keine Selbstverständlichkeit war und Neugierde bis Skepsis hervorrief.

Der Sprung ins Rampenlicht war ein gegenseitiges Kennenlernen von ÖFB-Spielerinnen, Medien und Fans. Während die Geschichten von David Alaba, Anna Fenninger oder Dominic Thiem längst jedem sportinteressierten Österreicher geläufig sind, waren die Namen und Gesichter des Frauen-Nationalteams den meisten bis vor Kurzem noch völlig unbekannt. Sie boten im Laufe der drei EM-Wochen sympathische und abwechslungsreiche Einblicke in gelebten Teamgeist und unterschiedlichste Lebenswelten – immerhin war mit Ersatztorhüterin Jasmin Pfeiler eine zweifache Mutter und bald selbstständige Installateurin ebenso mit dabei wie mit Viktoria Pinther und Jennifer Klein zwei Schülerinnen des Nationalen Zentrums teilnahmen –, fernab auswendig gelernt klingender Standardphrasen.


Erdung in der Bundesliga

Sonnenschein herrschte im Teamquartier in Wageningen keineswegs die ganze Zeit, kühl und wechselhaft präsentierte sich das Wetter in den Niederlanden, die Stimmung bei den Spielerinnen aber war blendend. Aus den strahlenden Augen sprach die Freude am Tun und der pure Genuss des Augenblicks, und mit genau dieser Begeisterung und Leidenschaft haben sie die Herzen vieler neuer Fans erobert. Es wird sich zeigen, ob der Verband das Momentum zu nutzen weiß und die angekündigten Maßnahmen und Initiativen mehr als Lippenbekenntnisse sind. Die weitere Zukunft des Frauenfußballs hängt allerdings auch stark vom öffentlichen Interesse ab. Nur bei entsprechenden Zuschauerzahlen finden sich Sponsoren für Ligen und Vereine, entsteht eine kontinuierliche Berichterstattung und erhält der Nachwuchs Vorbilder und Perspektiven. In Österreich mangelt es an der Basis, nach wie vor spielen zu wenige Mädchen Fußball, und darunter leidet auch die Spitze.

Am 19. August startet die heimische Bundesliga, ein Hauch vom EM-Schwung zwischen St. Pölten und Bergheim wäre mehr als wünschenswert. Interessierte Premierenbesucher sollten sich jedoch im Klaren darüber sein, dass die Professionalität auf dieser Ebene erst am Anfang steht. Für fast alle Spielerinnen heimischer Klubs ist Fußball Nebenbeschäftigung – vom Studium bis hin zum 40-Stunden-Job – ohne substanzielle Bezahlung. Nicht ohne Grund setzt sich der Stamm des Nationalteams aus Legionärinnen, die sich allen voran in Deutschland einer Profikarriere widmen können, zusammen. Gespielt wird nicht in Stadien mit vollen Rängen, sondern vor durchschnittlich 100 Zuschauern. Nun sind 1,35 Millionen TV-Zuseher und 12.000 Fans beim Public Viewing gefragt, spätestens beim nächsten Heimspiel der ÖFB-Frauen am 23. November in der WM-Qualifikation gegen Israel den österreichischen Zuschauerrekord (1835 Zuschauer in der Champions-League-Qualifikation von Sturm Graz) neu zu schreiben.


Suche nach Worten

Der Erfolgslauf der ÖFB-Frauen hat ältere Herren im Freibad die Spiele analysieren und mäßig sportaffine Freunde die plötzliche Aufmerksamkeit verwundert hinterfragen lassen. Der eine oder andere Punkt wurde auch in der Redaktion diskutiert: Heißt es nun Frauen- oder Damenfußball, Frau- oder Mannschaft und ergibt die sich während des Turniers eingebürgerte Abkürzung Frauen-EM überhaupt einen Sinn? Letzteres ist eindeutig mit Nein zu beantworten, denn es handelt sich nicht um einen Wettkampf im Frau-Sein. Zur Team-Begrifflichkeit hat der „Duden“ ebenfalls eine klare Meinung: Es geht beides. Und obgleich sich im österreichischen Sportjargon Tennis spielende bzw. Ski fahrende Herren und Damen etabliert haben, pochen die Fußballerinnen selbst auf die Frau.

Der Bezeichnung Dame haftet eben bis heute etwas Schickliches und Schmückendes an, da sich ihr Ursprung in gehobenen Gesellschaften findet. Deren weibliche Hälfte ging den anderen genannten Sportarten zum Teil schon allein aus Statusgründen tatsächlich über Jahrhunderte hinweg nach, Sport mit Körperkontakt ziemte sich hingegen für Frauen die längste Zeit nicht. So waren auch in Österreich Frauenspiele noch bis in die 1970er-Jahre offiziell vonseiten des Verbands untersagt. Der Kampf der Fußballerinnen für die Anerkennung ihrer Leidenschaft ist also vergleichsweise jung und die Frage der Begrifflichkeit in Zukunft hoffentlich bald hinfällig. Denn aus Text bzw. Bild erklärt sich ohnehin, um wen es geht. Nicht zuletzt haben es sich die österreichischen Spielerinnen spätestens nach den großartigen Leistungen diesen Sommers verdient, dass ihre Namen den Sportfans noch länger in Erinnerung bleiben.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.08.2017)

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