Ein Stück österreichischer Zeitgeschichte

Norbert Lopper, 95 Jahre alt, hat sehr viel zu erzählen. Nicht nur über die fast 30 Jahre, in denen er die Wiener Austria als Sekretär führte.

Norbert Lopper (Fünfter von links) wurde einst vom Jugendleiter der Hakoah entdeckt. 1938 musste er flüchten.
Norbert Lopper (Fünfter von links) wurde einst vom Jugendleiter der Hakoah entdeckt. 1938 musste er flüchten.
Norbert Lopper (Fünfter von links) wurde einst vom Jugendleiter der Hakoah entdeckt. 1938 musste er flüchten. – Privatarchiv Lopper

Es gibt Biografien von Sportlern, die durchaus spannend geschrieben sind. Große und kleine Helden stülpen dann ihr Inneres nach außen, geben Geheimnisse preis, manchmal sind es auch die Abrechnungen, die erstaunen. Mitunter spielen auch Funktionäre eine große Rolle in der Karriere der Stars. Aber mit den Funktionären will sich keiner so richtig beschäftigen. Entweder kommen dabei nur oberflächliche Lobhudeleien oder langweilende Bürokraten-Statements heraus. In Österreich wäre es durchaus aufregend, würde Alfred Ludwig, der mächtige und gewichtige ÖFB-Generalsekretär, Fußball-Wahrheiten erzählen. Solche, die noch niemand gewagt hat, zu Papier zu bringen. Ein Mann aber, der auf jeden Fall auf ein bewegtes Leben zurückblicken kann, ist Norbert Lopper. Er war fast drei Jahrzehnte lang Klubsekretär der Wiener Austria. Aber der mittlerweile 95-Jährige hat viel mehr zu erzählen. Er war Fußballer, KZ-Häftling, Weltbürger.

Was Norbert Lopper für die Austria geleistet hat, dafür reicht die Bezeichnung Sekretär nicht aus. Heute würde man solche Funktionäre mindestens als General Manager bezeichnen. Und nicht als Mädchen für alles. Als einer, der Löhne auszahlte, Tourneen organisierte – und als einer, der Transfers einfädelte und sie auch abwickelte.

In seine Ära fielen zehn Meistertitel, neun Cuptitel und auch eine Europacup-Teilnahme. Auch das zeigt, dass sich die Zeiten geändert haben. Nicht nur in Wien und bei seinen Violetten, die ja eigentlich im Kaffeehaus daheim waren. Und nicht in der Generali-Arena oberhalb des Kreisverkehrs. „Die Austria“, sagt Lopper, „hatte ja nie viele Zuschauer. Wir haben immer von den Heimspielen gegen Rapid gelebt.“ Wie vergangenen Sonntag, als sich die beiden Erzrivalen mit 2:2 trennten. „Wenn's der Rapid gut geht, dann geht's der Austria auch gut.“ Davon aber kann in der Gegenwart eher weniger die Rede sein.

Lopper wurde 1919 im 20. Wiener Gemeindebezirk geboren. Seine Mutter war Kürschnerin, sein Vater Kriegsinvalide, der sich mit Nebenjobs über Wasser hielt. Eine jüdische Familie, die finanziell nicht auf Rosen gebettet war. Sohn Norbert, ein sogenanntes Schlüsselkind, begann dem runden Leder nachzujagen. Alles begann im Augarten, von dort aus landete er bei der Hakoah. 1936 war der Jugendleiter des Klubs auf ihn aufmerksam geworden und holte ihn in die Jugendmannschaft. „Ich war ein ziemlich guter Spieler“, sagt Lopper. Rechter Aufbauläufer, später auch in der zweiten Mannschaft.

1938 war damit Schluss. Im März dieses Jahres ergriff Norbert Lopper die Flucht, über Aachen bis nach Belgien. Auch dort wurde Fußball gespielt, einmal für Etoile, einmal für Makkabi Brüssel. Im Mai 1940 ging die Flucht weiter, weil sich die Wehrmacht Brüssel näherte. Aber anstatt in Toulouse zu bleiben oder sich nach Spanien abzusetzen, kehrte Norbert Lopper noch einmal zurück nach Brüssel. Er heiratete dort seine Verlobte, kurz danach wurde das junge Paar geschnappt – Festnahme, Deportation nach Auschwitz. Die beiden wurden getrennt, Rebecca wurde in der Gaskammer ermordet. Seine Mutter konnte Norbert Lopper im letzten Moment noch retten. Vor der Selektion von Lagerarzt Josef Mengele.

Die Mutter hielt bis zur Befreiung durch, Loppers Vater, eine der beiden Schwestern und seine Schwiegereltern wurden im KZ ermordet. Er kam in andere Lager in Deutschland, nachdem ein Transporter beschossen wurde, wollte er flüchten. Aber die Wehrmacht griff ihn auf, und er landete in Mauthausen. „Ich habe überlebt“, sagt er. Doch der Krieg hatte ihn geprägt. Er wog nach seiner Befreiung nur noch 40 Kilogramm. Er war Invalide und lebte nach dem Krieg wieder in Brüssel, seine Karriere konnte er mehr nicht fortsetzen; aus gesundheitlichen Gründen, es waren die Folgen der Folter. „Hitler hat sozusagen meine aktive Sportkarriere zerstört.“

Norbert Lopper organisierte Spiele, vermittelte Duelle mit Hakoah und anderen Wiener Klubs (Wacker, Admira, Vienna, Austria, Rapid). 1953 kehrte er als Weltbürger zurück, machte Frieden mit der Heimatstadt. Er gründete den ersten Anhängerklub der Austria. Einer der Mitglieder war Friedrich Torberg, ein anderer Attila Hörbiger. Drei Jahre später wurde er von den Veilchen zum Klubsekretär ernannt.

Was Norbert Lopper bei und aus der Austria alles machte, das ist heutzutage nahezu unvorstellbar. Als perfekter Netzwerker zog er die Fäden, kannte Spieler, Trainer, Präsidenten – und alle kannten sie ihn. Er aber sagt: „Ich hatte nur das Telefon, die Schreibmaschine.“ An den Erfolgen, die sich einstellten, hatte er aber großen Anteil; auch an den Transfers, die bei aktuellen Sportdirektoren nur Verwunderung auslösen würden. Er lotste die Uruguay-Spieler Alberto Martínez und Julio Morales nach Wien – für 69.000 Dollar. Schon in den ersten Spielen war diese Summe eingespielt. Beide waren zum Wintertrainingslager 1972/73 angereist, eines Morgens war alles weiß. Herbert Prohaska: „Die haben den Schnee angegriffen, als hätten sie Gold gefunden.“

Gold gefunden, so beschreibt es Autor Johann Skocek, aber hat Norbert Lopper. Weil er diesen Herbert Prohaska bei einem Probespiel des Nationalteams gegen Ostbahn XI entdeckt und den späteren österreichischen Jahrhundertfußballer zu den Veilchen gebracht hat. Lopper: „Zum ersten Gespräch kam es in der Kantine einer Kfz-Werkstätte.“ Auch Josef Hickersberger, für dessen Ablöse ein gebrauchter VW-Bus reichte, vermittelte Lopper zur Austria. Die legendäre 78er-Mannschaft, die es bis ins Europacupfinale (in Paris gegen Anderlecht) schaffte, war nicht zuletzt sein Werk.

Steckbrief

1919
Norbert Lopper wurde 1919 als Sohn einer jüdischen Familie geboren, wuchs im 20. Wiener Gemeindebezirk auf. 1938 floh die Familie nach Brüssel, 1942 wurden Lopper und seine Frau Rebecca nach Auschwitz deportiert.

1953
nach der Befreiung aus dem KZ Mauthausen ging Lopper zunächst wieder nach Brüssel, 1953 kehrte er nach Wien zurück. Nach den Misshandlungen im Konzentrationslager konnte er nicht mehr Fußball spielen, er widmete sein Leben der Wiener Austria (Sekretär von 1956 bis 1983).

erschienen

Mister Austria. Das Leben des Klubsekretärs Norbert Lopper. Fußballer, KZ-Häftling, Weltbürger.

Biografie. Die Lebensgeschichte des Mannes mit den drei Leben von Johann Skocek, einst Presse-Redakteur und Ressortleiter beim Standard. Kolumnist und freier Publizist.

Falter Verlag.
224 Seiten.
Preis: 24,90 Euro.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.08.2014)

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